Streetstyle-Fotografie: Aus der Not eine Tugend gemacht

Der verehrte Leser weiß, dass ich ein steter Beobachter der Streetstyle-Foto-Szene bin. Fast jede Saison veröffentliche ich am Ende der Fashionweek zu diesem Thema einen Post, der sich mit den neuesten Tendenzen auseinander setzt. In meinen Augen besteht die neueste Bewegung der Streetstyle-Fotogarfie 2015 darin, dass die Geknipsten, vor allem die Promis aus der Not eine Tugend machen. Die It-girls haben das schon lange kapiert!. Nun also auch die V.I.P.s. Sie haben verstanden, dass sie gegen die Meute nicht ankommen, aber sie haben auch verstanden, dass sie ihnen nützlich sein kann – für die eigenen Interessen.

Doch bevor ich ins Detail gehe, schaue ich kurz zurück: 2014 war das Jahr, in dem Firmen meinten, den Streetstyle-Hype zu ihren Marketingzwecken verfremden zu können. Sie engagierten Models, zogen denen die Kleider an und schickten sie mit einem Fotografen ins Fashionweek-Getümmel. Der Fotograf machte seinen vorab vereinbarten Job, die anderen Fotografen wurden darauf aufmerksam und knipsten auch. Aber die echten Streetstyle-Knipser hatten das System schnell durchschaut, wendeten sich ab oder schmissen zuhause das wertlose Werbebild in den digitalen Papierkorb. 2015 war von solchen Aktionen deshalb auch nicht mehr viel übrig.

Die Streetstyle-Fotografen teilen sich mehr und mehr in zwei Lager: Die Profis, also die Streetstyle-Stars, stehen schon längst nicht mehr beim Eingang herum, sondern haben Eintritts-Karten in die meisten Shows, wo sie in Ruhe und direkt in der Frontrow knipsen können. Die Masse, also die Mitläufer, die Ab- und Zuknipser, die Blogger-Anfänger und Fashionweek-Passanten, haben ansonsten wenig dazu gelernt. Je auffälliger eine Person angezogen ist, desto eher halten sie die Kamera drauf. Schlagworte wie Normcore sind zu dieser schreienden und sich gegenseitig schubsenden Masse, die sich an den Eingängen tummelt, noch nicht vorgedrungen. Je bunter der Pfau, desto lieber wird auf den Auslöser gedrückt.

Was dieses Video beweist, das ich beim Eingang zur Hermès Show aufgenommen habe. Gerade ging Anna Dello Russo vorbei und löste eine Hysterie aus. Nun kamen diesen beiden Damen rein und drehten sich im Blitzlicht. Ganz unbemerkt schlendern Jornalisten-Stars wie Cathy Horyn, die zurück ist als „Critic at large“ bei The Cut und Godfrey Deeny, seines Zeichens der Modekritiker der Tageszeitung Le Figaro,  an den Fotografen vorbei. Naja, die Masse hat es halt noch immer nicht kapiert, wer hier wirklich wichtig ist. Ganz davon abgesehen, dass dieses Outfit von der Dame – also mal Hand aufs Herz – naja … Muss man das wirklich für die Ewigkeit festhalten?

 

 

Kommen wir zu den Stars, die im Gegensatz zu den Fotografen alles kapiert haben. Beispiel: Emmanuelle Béart. Die französische Schauspielerin, die früher (mit normalen Lippen) schon mal mehr drehte als jetzt, nahm sich bei ihrem Fashionweek-Besuch der Elie Saab-Show einfach ein paar Bodyguards zur Seite, gestellt freundlicherweise von Elie Saab. So war sie bestens als V.I.P. zu erkennen und löste einen Massenauflauf bei den Streetstyle-Fotografen aus. Bravo Emmanuelle! So ist’s richtig! Ohne ihren Bodyguard hätte man sie sonst auch kaum in ihrem unauffälligen schwarzen Hosenanzug erkannt.

 

 

Inès de la Fressange ist ein ganz besonderer Fall eines französischen Stars. Sie nutzt ihre Prominenz, um sich selbst königlich zu amüsieren. Das Ex-Chanel-Top-Model und derzeitige Roger-Vivier-Beraterin hat sowohl das Aussehen, die Bekanntheit als auch die Lässigkeit, mit den Fotografen ein Spielchen zu spielen. Am Eingang zu Hermès stoppten gleich mehrere Dutzend Fotografen die Schöne für ein Bild. Nachdem sie allen erzählt hatte, wie schön ihre Hermès-Tasche ist, zückte sie selbst das Handy und rief: „Halt, ich mache ein Foto von Euch. Alle bitte lächeln. Ihr schaut super aus!!!!“

 

Ines Fressange instagram

 

Und das postete sie sofort auf Instagram:

Bildschirmfoto 2015-03-16 um 13.10.46

 

 

Während die anderen Fotografen schon weiter rannten zum nächsten Star (Vika Gazinskaya), hatte sich Inès bereits wieder in Pose gestellt und ging ganz souverän nicht außen rum, sondern einmal mitten durch die Fotografen-Menge.

 

Ines Fressange 2

 

Tja und dann gibt es da noch die Stars, die viele der 08/15-Streetstyle-Fotografen gar nicht kennen. Und ich auch nicht.  „Was ist das für ein Massenauflauf?“, fragte ich Kathrin verwundert nach der Elie Saab Show und bugsierte sie zum Hinterausgang des Zeltes im Park des Tuileries in der Hoffnung, ein paar Models zu knipsen. Doch dort tummelten sich keine Models, sondern lauter aufgeregte junge Mädchen, die sich um eine Brünette in der Mitte drängelten.

 

Kristina Bazan 2

„Wer ist das?“ Kathrin zuckte mit den Achseln, dabei kennt doch Kathrin sonst jeden Internet-Star. Und diese Frau ist wahrhaftig ein Instagram-Star!!! Wie ich später herausfinden durfte. Kristina Bazan ist die wohl bekannte Schweizer Mode-Bloggerin. Sie kommt aus Genf und hat 1,4 Mio. Instagram Fans. Das muss man sich mal reinziehen! So viele hat selbst Emmanuelle Beart nicht. Denn die Schauspierlerin nutzt gar kein Instagram und hat auch nur 1700 Follower auf Twitter.

Kristina Bazan 1

Kristina aber weiß, wie online geht und bat ihre sehr junge (!!!!!) und digital-afine Fangemeinde zum Hinterausgang, um dort in aller Ruhe Küsschen zu verteilen und eine Selfie-Session mit den Fans zu veranstalten. Schlau! So bindet man die Leser.

Die hübsche Schweizerin, deren Blog im übrigen Kayture heißt, ist für mich eine klare Vertreterin der neuen Generation, die uns Alten zeigt, wo der Hase online lang läuft und wie wir umdenken müssen.

 

Bildschirmfoto 2015-03-16 um 14.34.56

Fotos und Videos: Barbara Markert für Modepilot

1 Kommentar zu “Streetstyle-Fotografie: Aus der Not eine Tugend gemacht”
  • Ich liebe diesen Bericht und die darin eingebundenen kleinen Filmchen.
    Die beiden Damen im ersten Clip würde ich gerne kurz ohrfeigen…

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