So modern kann Haute Couture sein: Yiqing Yin

Zweiter Tag Haute Couture und es drängt sich mir eine Zwischenbilanz auf. Denn vieles, was ich auf dem Catwalk sehe, langweilt mich ungemein. Daher will ich hier nur noch die vorstellen, die mich wirklich überzeugen. Yiqing Yin gehört dazu und hat mich gestern Abend ganz klar in den Bann gezogen. Nach der sanfteren Revolution der Haute Couture durch Stéphane Rolland und Alexandre Vauthier, bringt die chinesisch stämmige Französin noch mal einen neuen Dreh in diese altehrwürdige Hohe Kunst der Schneiderei. Sie ist in meinen Augen viel moderner als die immer hochgelobte Bouchra Jarrar und auch viel vielseitiger als Dice Kayek. Die zarte Asiatin, die ich hier seit Saison als Talent vorstelle, ist in meinem Augen gereift und heute die Frau, die Haute Couture zur Modernität verhilft.
Ihre Kollektion für den Sommer heißt Oxymoron. Das ist ein stilitisches Stilmittel, das Gegenteil von Pleonasmus. Beim Oxymoron geht es um an sich gegensätzliche, ja widersprüchliche Begriffe, die zu einem Ausdruck verbunden werden. Im Fall der Kollektoin geht es um "domptierte Nonchalance, geregelte Anarchie, kämpferische Sinnlichkeit und poetische Abstraktion".
Damit geht Yiqing Yin einen Schritt weiter in der Mode voran. Sie braucht nicht mehr für früher, Gegenständliches wie Pflanzen oder Tiere sie auf wundersame Weise in Kleider verwandelt, sondern es genügt die Mode an sich.
Schaut was sie daraus macht:
1. geregelte Anarchie
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Scheinbar chaotisch ist die Mode ums Modell gewicklet und geknotet, doch das alles ist aufs letzte Detail und den letzten Faltenwurf genauso gewollt und genäht.
2. domptierte Nonchalance
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Es ist eher selten, dass man Alpaka in der Haute Couture verwendet. Das hat Nonchalence und ein runtergerutschter Ausschnitt aus. Doch es gleitet nicht ab ins Casual-Segment, sondern bleit Haute Couture.
3. kämpferische Sinnlichkeit
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Ein maskulines Jackett wird mit fließen Roben verbunden. Die unterschiedlichen Materialien aus dem mit Metallfäden durchzogenen Stoff und Weichheit der gewaschenen Seide unetrstützen die Metapher.
4. poetische Abstraktion
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Man braucht keine Blumen, Stickereien und Pailletten, um eine Haute Couture Kollektion zu machen. Das ist moderne und zeitgemäße Haute Couture, die jenseits von roten Teppich ihre Daseinsberechtigung hat. Yiqing Yin beweist es in Perfektion. Bravo. Bis zum Tag zwei dieser laufenden Haute Couture Woche ist das bisher mein Favorit.
Fotos: Catwalkpictures
Photo Credit:
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Kommentare

  • Chael sagt:

    Oh my gosh, beautifully draped pieces. So modern ad timeless. Don't like the shiny-shine material and of course, the fur.
    • Barbara Markert sagt:

      Chael, das ist kein Pelz, sondern ich denke ein gestrichener Wollstoff. Ist in 20 cm Entfernung an mich vorbei gelaufen. Hab's genau gesehen.
  • Chael sagt:

    Thx.D'accord with the two piece suit and the cape, but the black skirt (first photo in the section domptierte Nonchalance)?