Gedanken zum Preis von Kleidung

Auf unserer Facebook-Seite hat sich Diskussion ergeben ├╝ber meinen Post ├╝ber M├Ąnner-Schals, die ich nach zwei Kriterien ausgew├Ąhlt habe: Aussehen und Material. Alle Schals, die aus Chemiefasern bestanden, habe ich bei der Recherche aussortiert. Es blieben ├╝brig Schals zwischen 100 und 1800 Euro. Letzterer ist ein super aufwenig gedruckter und ├╝bert├Ânter, ├╝bergro├čer Schals aus100% der sogenannten 6A+ Seide von Herm├Ęs. Was das f├╝r eine Seide ist und wie dieser Schal in Lyon hergestellt wird, kann man hier nachlesen.
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Diesen Post fanden viele bizarr und fragten sich, wo wir "bei Modepilot hinsteuern". Dabei steuern gar nicht irgendwo hin und sondern wir sind noch immer da, wo wir schon immer waren. Modepilot k├╝mmert sich um Highfashion und wir lieben gute Qualit├Ąt. Wir pl├Ądieren seit Beginn f├╝r einen ├╝berlegten Konsum, bei dem Qualit├Ąt vor Quantit├Ąt kommt.
Rochas Winter 2014: Kaschmirmantel und handgefertigte Handschuhe
Nun kommt diese Diskussion zeitlich genau einen Tag nach der Designer-Kooperation von H&M und Alexander Wang. Einem Modeevent, das Wochen vorher promoted wurde und erneut Schlangen vor den Gesch├Ąften und einem digitalen Zusammenbruch des E-Commerce-Shops erzeugt hat. Ich habe mir gerade die Produkte online angesehen und musste festestellen, dass alle, sogar einfachste Hemdchen aus 100% Polyamid bestehen (Preis 30 Euro). Das habe ich auf der Website in Frankreich entdeckt.
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In Deutschland hei├čt es "schnelltrocknend und atmungsaktiv", das Material wird nicht extra auf der Online-Shopping-Seite ausgewiesen.
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Bezeichnet wird das Wang x H&M-Teil als "Sporttop" und f├╝r diesen Zweck macht dieses Material auch Sinn. Blo├č ist das denn nun wirklich f├╝r den Sport gedacht? Ok, nehmen wir das mal an. Da hat mich nat├╝rlich interessiert, was so ein Sport-Top vom Sporthersteller kostet und daher bin ich auf die Adidas Website gegangen. Ungef├Ąhr das gleiche Top kostet dort 4 Euro mehr, ist aber ausger├╝stet mit einer speziellen Ausr├╝stung namens Climalite, die Schwei├č besonders schnell "ableitet". Ich lasse diesen Vergleich nun einfach mal im Raum stehen ÔÇô ohne Wertung.
F├╝r alle, die sich fragen, aus was eigentlich Polyamid etc. besteht, gebe ich hier mal die Antwort: Synthetikfasern bestehen vor allem aus Erd├Âl. ├ťber die Umweltfolgen der Erd├Âlgewinnung und des Erd├Âltransports muss ich kein Wort mehr verlieren. Auch ├╝ber die Energiebilanz von in China oder Indien produzierte Ware, die bei uns verkauft wird, muss man keine Aufkl├Ąrung mehr leisten. Diese Informationen m├╝ssten / sollten allen bekannt sein.
Unsere Bloggerkollegen von Dandy Diary hatten sich der neuesten Designer-Kooperation von H&M mit Alexander Wang auch angenommen. Nur ging es Ihnen nicht ums Material, sondern um Kinderarbeit. Sie ver├Âffentlichten zur Wang x H&M Kollektiondazu dieses Video:
Kollegin Jessica Wei├č von Journelles hat dazu mit Dandy Diary und auch H&M gesprochen und die beiden Positionen dargelegt. Ob das Video nun stimmt oder nicht, wird sich zeigen. H&M will gerichtlich dagegen vorgehen.
Wie man sieht, spielen bei billiger Mode viele einzelne Aspekte eine Rolle. Hohe Aufmerksamkeit ist garantiert, wenn Kinder oder Tiere in Gefahr sind oder gequ├Ąlt werden. Dazu passt auch eine aktuelle Reportage von RAI 3 ├╝ber die Praktiken der Daunen-Gewinnung bei Moncler, die zum Sinkflug der Aktie an der B├Ârse gef├╝hrt hat. Dabei handelt es sich nicht um ein Billiglabel, sondern um eine Designermarke mit sehr hohen Preisen. Hier geht es um Gewinnmargen und in Folge f├╝r Moncler um einen herben Image-Verlust. Die italienische Firma, die seit Marken├╝bernahme die F├╝llmasse ihrer Jacken nicht mehr aus dem urspr├╝nglichen Herkunftsland Frankreich bezieht sondern durch billigere Daunen aus Ungarn ersetzt hat, k├╝ndigte an, gegen den TV-Bericht vorgehen zu wollen und streitet alle Anschuldigungen ab.
Kommen wir zu einem Zwischen-Fazit: Auch bei teueren Produkten kann man nicht sicher sein, dass sie "ordentlich", also ohne Schaden f├╝r Mensch und Tier hergestellt werden.
Vivienne Westwood: K├Ąmpferin f├╝r eine ├Âkologischere Modeproduktion
Doch ich m├Âchte noch mal zur├╝ck zur Umwelt kommen, denn Pflanzen k├Ânnen nicht heulen, schauen weniger niedlich aus als Tierbabys und schwindende Gletscher und Pole liegen f├╝r viele sehr weit weg ÔÇô gedanklich wie geografisch. Die Aspekte eines v├Âllig verr├╝ckten Veredelungsverkehrs, wie es im Fachjargon hei├čt, also des Wegs eines textilen Gutes vom Rohstoff bis zum Handel, werden bei der Beurteilung von Modepreisen gerne au├čer Acht gelassen. Spielen aber eine sehr wichtige Rolle. Wie viele Kilometer hat ein Kleidungsst├╝ck bei der Prdouktion zur├╝ck gelegt und wie viele Schadstoffe wurden dadurch in die Luft geblasen?
Eine korrekte Produktion sieht daher in meinen Augen eine Verwendung nat├╝rlicher Rohstoffe vor und sollte eine lokale oder wenigstens Kontinent-nahe Produktion mit einer akzeptablen Energiebilanz vorweisen k├Ânnen. Die Einhaltung sozialer Standards f├╝r Mensch und die korrekte Behandlung von Tieren m├╝ssen als Basis gelten und sollten gar nicht mehr in Frage gestellt werden.
Allude: 100% Kaschmir
Doch wenn wir diese Standards wollen und einhalten, dann kostet Mode eben wieder die Preise, die es vor der Zeit der Billigketten gab. Als ich jung war in den 70er-Jahren kostete ein Baumwoll-Sweater sicherlich 300% mehr als heute einer von H&M. Einfach weil man damals noch nicht wusste, wie man Kleidung so billig herstellt. Die Internationalit├Ąt war noch nicht so weit fortgeschritten.
In einem aktuellen Artikel habe ich gelesen, dass der Erfolg von Primark und Asos Konkurrenten wie H&M und Zara schwer zu schaffen mache und die Schweden angeblich ihre Margen ├╝berdenken wollten. Wird dann unsere Mode durch einen Konkurrenzkampf dieser Akteure bald noch billiger? Und wie finden wir das dann? Toll?
Wenn man das gut findet, dann muss man nat├╝rlich Schals aus Kaschmir und Seide, produziert in Italien, f├╝r 400 Euro als v├Âllig daneben erachten. Aber diese Konsumenten bitte ich, bei Reportagen zu Tierqu├Ąlerei oder einst├╝rzenden Fabriken besser zu schweigen.
Das waren meine Gedanken zum Wochenende.
Fotos: Catwalkpictures, Screenshots H&M, Facebook
Photos by: false

Kommentare

  • StephKat sagt:

    Liebe Barbara,

    stimmt, ich hatte das offenbar ├╝berlesen. Ihr seid eben einfach gut informiert!


    Aber die Produktion in Moldawien ist ja wohl der Gipfel.
    Der Tip mit den Daunenjacken ist super, habe ich gleich weiter geleitet!
    • StephKat sagt:

      Das Thema l├Ąsst mich nicht mehr los. Hier ein Artikel aus der S├╝ddeutschen von gestern:
      http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/luxus-mode-gaensehaut-unter-der-daunenjacke-1.2228284
      Lebendrupfung f├╝r Moncler, fragw├╝rdige Produktionsst├Ątten in Transnistrien. Auch bei Prada.
      Ich werde richtig sauer, wenn ich so etwas lese. Vor allem, wenn ich daran denken, wie wir produzieren und was das kostet. Die Prada-Daunenjacke kostet in der Produktion genauso viel wie eines unserer aufwendigeren Kinder-Strickteile.
      • Barbara Markert sagt:

        Liebe StephKat,

        wir haben in diesem Text bereits ├╝ber die Praktiken bei Moncler berichtet und das Originalvideo von der RAI genannt. Seit unserem Artikel hier hat das Thema der Spiegel und nun eben die SZ aufgegriffen. Auch hier muss man vorsichtig sein. Ich empfehle Daunen von Pyrenex. https://www.modepilot.de/2011/01/14/die-daunen-affarebabyoffice-goes-shopping/

        Moncler wurde im gleichen Ort gegr├╝ndet und fr├╝her mit Pyrenex Daunen gef├╝llt. Als es noch franz├Âsisch war. Durch ├ťbernahme der Italiener ist die Produktion von S├╝dwest-Frankreich dann eben verlagert worden.


      • Chael sagt:

        • grisnoirchic sagt:

          Vielen Dank f├╝r diesen Artikel. Da kann ich jedes Wort unterschreiben.

          Es ist unfassbar in welcher Wegwerfmentalit├Ąt sich die Gesellschaft befindet und wie wenig mehr Qualit├Ąt eine Rolle spielt im Kaufverhalten.

          Es w├Ąre sch├Ân, wenn man zumindest darauf achten w├╝rde in Europa produzierte Ware zu kaufen. Selbst das ist f├╝r die Meisten zu anstrengend. Ein Jammer.


          • Horst sagt:

            DD ging es mit Sicherheit auch nicht um Kindearbeit sondern um ein wenig PR in eigener Sache. Ansonsten w├╝rden sie konsequent Klamotten vom H&M Konzern meiden ...

            Dass das Video ein Fake war, war doch offensichtlich.


            • auchmilan sagt:

              uiuiui liebe barbara, heikles und vor allem komplexes thema... und wie so oft, stehe ich voll hinter dir und deiner meinung. ­čÖé
              ist da nicht vielleicht auch ein kleines bi├čchen neid mit im spiel, wenn man sich derma├čen ├╝ber den preis eines hochwertigen, handgefertigten schals aus einem ganz eindeutig auf eine elite-kundschaft zielgerichtetem haus, aufregt?
              andere sogenannte "luxus-marken" k├Ânnte man vielleicht eher daf├╝r kritisieren, dass sie uns vollkommen ├╝berteuerte massenprodukte als exklusive und erstklassige ware andrehen wollen... aber ist ja nicht sooo schlimm, schlie├člich kann man sich so ein synthetik-t├Ąschchen von lv oder einen made-in-china-beutel von mk ja schon eher leisten. ­čśë

              f├╝r die glanzleistung von h&m in der verar...ung von uns "mode"-konsumenten m├Âchte ich ├╝brigens ein m.a. noch krasseres beispiel teilen: suuuper plaste-sweatshirt by aw f├╝r schlappe 249ÔéČ!

              http://www.hm.com/de/wangxhm#men/article-28


              • Barbara Markert sagt:

                Lieber auchmilan,

                ich kann mir auch keinen Schal f├╝r 1800 Euro leisten. Und ich geh├Âre auch nicht zur Herm├Ęs-Klientel. Aber ich habe zwei Schals f├╝r 400 Euro, auf die ich hingespart habe und die mich t├Ąglich neu erfreuen. Es geht halt um guten Konsum in seiner Kaufkraft Lage. Und genau, was du da ansprichst, dass wir oft viel zu viel f├╝r schlechte Sachen zahlen, das nervt mich auch.


              • V. sagt:

                Der Post hat einige sinnvolle Punkte aufgegriffen und ja, Geiz ist nicht geil wenn's um unsere Basics im Kleiderschrank geht. Ob man jedoch nach dieser Logik vierstellige Preise f├╝r einen Seidenschal rechtfertigen kann? Von Vorw├╝rfen der Ausbeutung von Arbeitskr├Ąften, eines gewaltigen CO2-Fu├čabdrucks und mangelnder Nachhaltigkeit k├Ânnen sich Hersteller von Luxusg├╝tern jedenfalls nicht freisprechen. Einfach nur edlere Materialien zu verwenden zeugt nicht von ihrem Anspruch, ihre unmittelbare Umwelt wertsch├Ątzen oder lokale Industrien st├Ąrken zu wollen.

                Ich finde es scheinheilig zu behaupten, man kaufe aus reiner Liebe zur Natur und der Menschenrechte lieber Hermes oder Louis Vuitton. Beim Kauf von Luxuskleidern und -accessoires geht's um Prestige und Lifestyle, und nun um sagen zu k├Ânnen: bei H&M und Zara zu kaufen geht ja auch gar nicht.

                Ja, das Preisdumping bedeutet nichts gutes. Ein Schal f├╝r 1.800 ÔéČ ist dagegen aber auch keine L├Âsung.


                • Beate sagt:

                  Wir sollten uns auch bei Kleidung um Nachhaltigkeit bem├╝hen. Gute Qualit├Ąt, die sich aus gutem Design und hochwertigen Material ergibt, ist ein besserer Begleiter ├╝ber lange Zeit als die Billigl├Ąppchen ├á la H&M, Zara, usw. Ein Schal f├╝r 1.800 ÔéČ ist jetzt nicht mein Preisniveau, aber daran haben u.Umst├Ąnden weitere Generationen Spass dran, weil einfach alles stimmt.Fr├╝her, als alles noch per Hand hergestellt wurde, wurde per Testament bestimmt, wer die Kleider bekommt, die man zur├╝ckl├Ąsst ....
                  • Slow-Wear sagt:

                    Gut beobachtet, der Preis f├╝r Kleidung sollte an der Qualit├Ąt der verwendeten Materialien und dem Einsatz von (Hand)Arbeit fest gemacht werden und nicht an Marken, seien Sie nun teuer oder billig. Und nat├╝rlich l├Ąsst sich eine Hermes Schal, der ja nicht einmal von Hermes, sondern einem Lohnfertigen bin Italien produziert wird, deutlich g├╝nstiger an den Markt bringen, denn hier wir ja noch eine exorbitante Marge aufgeschlagen.
                    • Barbara Markert sagt:

                      Hallo Slow-Wear. Nur um das richtig zu stellen: Herm├Ęs produziert seine Schals in eigenen Fabriken. Deine Information, dass sie von einem Lohnfertiger aus Italien produziert werden, ist falsch. Ich habe ├╝ber Herm├Ęs mindestens schon 4 Reportagen geschrieben, ich kenne einige Produktionsst├Ątten (die vom Kristall und vor allem die von der Seidenfabrikation), in denen ich rund 14 bis 16 Stunden verbracht habe. Bei dieser Firma werden Mitarbeiter anst├Ąndig bezahlt, die Fabriken sind absolut korrekt und das Betriebsklima stimmt. Dass so ein Schal ein Verm├Âgen kostet, ist wahr. Aber warum sparen viele nur auf die xte Designerbag. Das kann man auch mal f├╝r einen Schal und der ist dann ein Erbst├╝ck.
                    • StephKat sagt:

                      Vielen Dank, das muss mal gesagt werden!
                      Wenn man sich - so wie ich - mal wirklich mit den Umst├Ąnden besch├Ąftigt, unter denen Kleidung vielfach produziert wird, wird einem erst einmal schlecht. In der Tat ist es nicht nur die preiswerte Kleidung, sondern auch die teure. Das beinhaltet die Herkunft und Verarbeitung des Rohstoffes genauso wie Umst├Ąnde, unter denen gefertigt wird.
                      Was man Leuten, die sich ├╝ber Preise beschweren, sicher zugute halten muss, ist, dass sie einfach nicht gut genug informiert sind. Das hei├čt, dass niemand genau wei├č, was die Herstellung von Mode aus guten Rohstoffen und mit fairen Arbeitsbedingungen kostet.
                      Ich wei├č es inzwischen. Dennoch haben wir uns entschieden, nur Bio-Rohstoffe zu verwenden und nur in Deutschland zu produzieren. Das ist dann aber eben vergleichsweise teuer und nicht jeder kann - oder will - das bezahlen. Wenn ich f├╝r unsere Kindermode die branchen├╝blichen Gewinnaufschl├Ąge berechnen w├╝rde, w├╝rde sie vermutlich kaum jemand kaufen.
                      • Chael sagt:

                        • katjanka sagt:

                          Danke !