Ist "Made in Europe" die Lösung?

Heute ist der erste Fashion Revolution Day und dieser Tag, bzw. die Aktion, die dahinter steht, soll uns zu einem bewussteren Umgang mit Mode animieren. Wir haben die Aktion bereits heute morgen auf unserem Facebook angekündigt. Umdenken ist an einem Tag wie diesen und alle die kommenden Tage später gefordert. Als konkrete Aktion haben sich die Initiatoren die Idee mit Inside Out ausgedacht, bei der wir die Kleidung am heutigen Tag  falsch herum tragen sollen, mit den Etiketten nach Außen.
Der Tag ist gut gewählt, denn vor genau einem Jahr brach in Bangladesh die Textilfabrik Rana Plaza ein und begrub über 1000 Personen unter sich. Neben den vielen Toten, sind über 2000 Arbeiter heute behindert, amputiert und wurden ihrer Arbeitskraft beraubt. Die Entschädigungen sind noch lange nicht alle geflossen. Das Unglück in Rana Plaza ist vor allem darauf zurück zu führen, dass die Produktion in einer baulichen Ruine untergebracht wurde. Hier ist also auch der lokalen Bauindustrie und dem Staat, der seiner Überprüfungs-Pflicht zu Vergabe einer Inbetriebnahme in einem mangelhaften Gebäude nicht entsprechend nachkam, eine gravierende Schuld zu zu weisen. Zwar war das Gebäude von der Polizei gesperrt worden, doch die Textilfirmen kamen trotzdem rein. Wie ist das möglich? Wo krankt das System? Die Schuld an diesen Umglück liegt auf vielen Schultern. Aber wie so oft bei solchen Dramen ändert sich dennoch danach leider sehr wenig. Es wurden ein paar Dutzend Textilfirmen geschlossen, neue Sicherheitskontrollen bei den Elektrizitätsausstattungen installiert. Basta. Aber wie sieht es in Textilfabriken anderer Entwicklungs- und Schwellenländer aus? Und vor allem: Was lernen wir nun daraus?
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In New York gab es gestern eine Demonstration zur Rettung des New Yorker Garment Centers und der stadteigenen Produktion. "Made in NYC" soll wieder schick und ein Verkaufsargument werden. Ähnliche Initiativen gibt es auch bei uns in Europa. Das Made in France, Germany, Italy ... soll wieder gepushed werden. Beim Kollegen Horstson las ich in einem Blogkommentar, dass der Kommentierer konsequent nur in Europa gefertigte Kleidung und Schuhe anzieht. Echt? Dieser Mann hat auf alle Fälle keine Turnschuhe im Schrank, denn die werden zu mehr als 90% in Vietnam gefertigt. Nun alles zu boykottieren, was aus den Schwellenländern kommt, halte ich auch schlichtweg falsch. Erstens können wir die Masse an Kleidung gar nicht mehr in Europa in Gänze produzieren, weil uns die Arbeitskräfte fehlen. Zweitens ist das Know How längst flöten gegangen. Und wir tun auch den Menschen in den Werkländern keinen Gefallen damit, denn die brauchen diese Arbeit.
Wer einmal mit einem Vorstandsvorsitzenden eines Textilunternehmens geredet hat, weiß wie die Sachlage ist. Ich war vor kurzem bei Aigle, deren Gummistiefel zu 100% in Frankreich produziert werden. Laut Aussage des CEO sind sie die einzigen in der Branche in ganz Europa, die die Produktion nicht nach China verlagert haben. Aber in Bezug auf die Textilien seiner Marke sagte er mir ganz klar: "Ich glaube nicht mehr an eine Textilproduktion in Europa. Das Know How wurde in den vergangenen Jahrzehnten vernichtet. Die Arbeiter in Asien und Südamerika oder Nordafrika können das schlichtweg besser als wir."
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Daher mag ein Made in NYC oder Made in Europe vielleicht eine Lösung für High-End-Produkte und Designerware sein, aber nicht für den kommerziellen Bereich in der Mode. Und dieser Bereich kleidet die Massen. Das "Made in Asia" nun als schlecht abzustempeln, ist der falsche Weg. Wir müssen vor allem anders konsumieren. Weniger und bewusster. Labels, wie GOTS oder Faitrade helfen uns dabei. Lest ruhig mal die Mission des Fashion Revolution Day. Da steht schon viel drinnen.
Ein Designeretikett heute nach außen zu tragen, sagt da leider gar nichts aus. Wichtiger wäre ein Etikett mit den Labels drauf, die garantieren, dass man eine Kleidung an hat, die in der gesamten Kette sauber produziert wurde. Das Zusammennähen der Stoffe, sprich der Produktionsschritt, denn die Näherinnen des Rana Plaza gemacht hatten, ist nur ein ganz kleiner Teil in der textilien Kette.
Was also kann man konkret tun im Mode-Konsum des Alltags? Es gibt eine Reihe ganz einfacher Dinge, die man beachten kann: Achtet bei Neukäufen auf Bio-Rohstoffe, kauft weniger Chemiestoffe. Achtet auf die Färbung. Kauft keine zu stark gebleichten Jeans, sondern tragt sie selber solange, bis sie hell sind. Achtet auf Gütesiegel und informiert Euch  – wenn ihr Zeit dazu habt – über Hersteller, die nicht korrekt arbeiten. Ich habe über Jahrzehnte hinweg gewisse Firmen boykottiert, auch wenn sie "in" waren. Das tut nicht weh, man hat dann einfach eben nicht das Trendteil, das alle haben, aber dafür ein gutes Gewissen. Fast alle Gütesiegel haben heute Listen auf ihren Webseiten, in denen sie ihre Mitglieder auflisten. Das ist schon mal ein guter Anfang, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Aber vor allem, kauft weniger und bewusster. Dazu braucht niemand ein Diplom in der Textilindustrie, sondern einfach ein bisschen guten Willen.
Fotos: Screenshots Fashion Revolution Day
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Kommentare

  • Chael sagt:

    The trust fund for the victims of Rana Plaza has received only 11 of 29 million euros (pledged amount) so far. Brands such as Benetton, Adler fashion stores and Carrefour are said to have had nothing yet paid into the fund.
  • miss knit sagt:

    Toller Beitrag! Danke
    http://www.irinaheemann.com