1 Tag Fashionweek: So ist’s wirklich!

Da reden wir immer über die Mode und die Events auf der Fashionweek, heute will ich mal über mich reden. Ich mache sozusagen einen textlichen Selfie. Mein Leben auf der Fashionweek. Mein Daily-Life on fashion-tour.

So ist es im Vorfeld: Die allgemeine Reaktion von Freunden, die NICHTS mit Mode zu tun haben, auf einen Satz wie diesen: „Ne, da kann ich leider nicht kommen, ich bin auf der Fashionweek“, ist folgende: „Oh, wie toll, Du gehst zu den Modeschauen!“  Die Antwort von Freunden, die IN DER MODE arbeiten, ist folgende: „Oh, ist das schon wieder? Ich vergaß. Ach, Du Arme, ich muss nur X Tage hin. Machst du die ganzen neun Tage Paris durch und dann noch die Showroom-Tage.“ Ich nicke, die anderen gucken betreten.

So ist es jetzt: Wenn ich mitten drin bin, so wie heute, frage ich mich immer, wie es Leute wie Anne Dello Russo oder Anna Wintour durchhalten, nicht nur neun, bzw. zehn Tage Fashionweek, sondern fast DREI Monate durchgehend von New York bis Paris durchzustehen. OK, die haben eine Chauffeur und ok, die haben einen Stab Leute, die ihnen manches abnehmen, aber dafür haben die 1000 Mal mehr Termine als ich, ständig Abendveranstaltungen und sie müssen sich ständig umziehen. Wie bitte machen die das? Russo ist so ungefähr mein Alter, aber Anna Wintour ist ein Stück älter als ich und die sieht immer top aus, während ich platt bin  – und das schon nach drei Tagen. Die Antwort könnte ich mir eigentlich selbst geben: Die sind halt durchtrainiert und ich bins nicht und vor allem bin ich gerade krank.

So ist es allgemein: Ich renne von Schau zu Schau oder besser von Schau zu Showroom, weil ich ja auch nicht Tickets zu allen Schauen haben und versuche dabei die Moral zu behalten. Das fotogene Aussehen habe ich in dieser Saison mal ganz nach hinten geschoben, bei den aktuellen Hustenattacken und Naselauf-Schneuzpausen ist meine Bereitschaft für weiteres Leiden auf High Heels gerade am Nullpunkt angelangt. Mich knipst eh keiner, egal ob ich gut oder schlecht aussehe.

Erschwerend hinzu kommt die Kamera. Früher hatte ich noch ein Objektiv und alles, was man sonst so braucht (Sehbrille, Wasserflasche, Kekse, Ladekabel) dabei. Das machte alles zusammen dann eine Tasche von rund 6 Kilo Gewicht. Inzwischen verdurste ich lieber, verhungere und habe mitten im Interview keine Batterie mehr, aber dafür eine leichte(re) Tasche. Nahaufnahmen gibt es nun einfach nicht mehr. Warum auch, wir haben ja auch noch unseren Fotografen Etienne, der sich abschleppt. Soll der doch!

Hier kommen wir zu dem Punkt: Menschen, auf der Fashionweek, vor denen ich den Hut ziehe.

1. Die Fotografen. Mehr muss ich dazu nicht mehr sagen.

2. Die Annas und alle anderen, also Anna aus Italien und Anna aus den USA und die Carine aus Frankreich, .. Warum habe ich eingangs erwähnt.

3. Die Models. Nicht nur, dass die die ganzen Ochsentour durch die Ländern mitmachen müssen, nein, die müssen auch diesen Streetstyle-Hype ertragen. Schaut Euch mal diese Bilderfolge an, da würde ich echt an Stelle des Models schlechte Laune bekommen:

Streetstyle-Models-Belagerung

Zwischen diesen beiden Aufnahmen liegen nur wenige Sekunden: Die Fotografenzahl verdoppelt sich.

Streetstyle-Belagerung-2

Man beachte den Gesichtsausdruck von Mr. Streetpepper, Phil Oh, ganz hinten. Die Streetstyle-Fotografen, von denen sich viele inzwischen selbst eher als „Artists“ bezeichnen, sind dem Model ungelogen rund 500 m gefolgt. Machen das Künstler??? Das Model ging unbeirrt weiter. Und das alles nur, weil sie eine Bomberjacke mit aufwendigen Stickereien anhatte.

4. Bill Cunningham:  Dass sich dieser Mann den Stress in seinem Alter noch antut und vor allem bewundere ich ihn dafür, dass er noch immer für eine echte Freude dabei hat, hübsche Frauen zu fotografieren. Schaut Euch bitte mal diese leuchtenden Augen an.

Bill Cunnigham

4. Starblogger, deren Prominenz Nebenjobs mit sich bringt.

Bryanboy muss irgendein Schildchen einer Fernsehsendung hochhalten und dabei nett lächeln. Das macht er ausgezeichnet, finde ich. Könnte ich nicht.

Modepilot-Bryanboy posing 6. Leute, die alles im Beruf erreicht haben und nun in einem Showroom den ganzen Tag rumsitzen müssen.

Hier sind wir im H&M Studio Showroom. Wir von Modepilot werden zwar weder zur Schau noch zum Showroom dieses Fashionweek-Events eingeladen, aber ich wollte mir das mal von Nahem anschauen und stieß auf eine vollkommen relaxte Margareta van den Bosch, H&Ms Creative Advisor, die das Treiben um sie herum in stoischer Gelassenheit verfolgte.  Bravo.

HM Showroom Margarete van den Bosch

 

Schnitt! Kommen wir zurück zu meinem Leben, dem Alltag eines 08/15 Fashionweek-Besuchers. Hier gibt es  diese typischen Situationen, die sich jeden Tag wieder holen. Neun Tage lang:

1. Man rennt nach der Schau zum grünen Schauenbus, denn wenn der voll ist, muss man in die Metro und das sollte man vermeiden.

Bus 2

2. Man ist im Bus und steht im typischen Pariser Stau. Und es könnte passieren, dass man die nächste Show verpasst (ist mir mehrmals passiert).

Stau

 

3. Man sitzt im Bus, er fährt und vor einem sitzt irgendeine Japanerin mit solchen Nägeln. Da denkt man sich, dass man den gestrigen Abend statt mit Nägelkauen vor Aufregung beim Gucken von „Homeland“ besser zu einer Maniküre-Stunde genutzt hätte.

Bus 1

4. Man kommt mit dem Bus am Schauenort an – endlich – , aber der Bus findet wegen der dummen Limousinen kein Plätzchen zum Parken und muss weiter weg parken. Fazit: Man rennt wieder, diesmal zur Schau. Die Wichtigen, die aus den Limousinen sitzen ja schon, und es könnte jede Minute anfangen.

Bus 3

Dabei muss man sehen, wie man mit Pfennigabsätzen unbeschadet über den Pariser Asphalt kommt. Vergesst bitte nicht: Hier gibt gerne noch Kopfsteinplaster aus der Louis XV Zeit.

Bus 4

5. Man ist endlich da, hat aber nur eine Standing Karte: Leider fängt es an zu regnen.

Standing im Regen

Den Schirm vergessen? Ja. Hier zeigt sich: Besser ein kaputter Schirm als gar keiner.

Kaputter Schirm

5. Man ist endlich drinnen und muss nun HIER noch ein Plätzchen finden:

Fotografen Yep, so ist das. Und das Ganze dann bitte zehnmal pro Tag.

Versteht Ihr nun, was ich meine, dass Fashionweek kein Honigschlecken ist?

Fotos: Barbara Markert

8 Kommentare zu
“1 Tag Fashionweek: So ist’s wirklich!”
  • Es klingt wirklich nach großem Stress! Mir ging allein in Berlin schon ziemlich schnell die Puste aus, so habe ich mir die Kollektionen angenehm vor dem Monitor ansehen können. Vergleichbar mit dem Erlebnis selbst ist es natürlich leider nicht ganz. 🙂

  • Dass es stressig ist, kann ich nachvollziehen und dieser Post ist sehr unterhaltsam, aber mein Mitleid hält sich doch in geregelten Grenzen… Es gibt schlimmere Jobs auf der Welt!

  • Herrlich echt berichtet (auch das mit H&M), Danke.
    Ich halte es auch für ein Phänomen, wie manche Kollegin fast jede Fashion Show besucht und das seit vielen Jahren und immer frisch dabei aussieht.
    Ich finde auch die Essenssituation dramatisch. Wenn man keine Show ausfallen lässt, kommt einfach nicht dazu. Manche haben in ihren Autos irgendwelche Powerriegel auf Vorrat, aber zwei Monate lang nur schnelle Cappuccini, Croissants, Wasser aus Plastikflaschen, Maccarons, Riegel und Champagner – das kann nur mit schöner Mode wieder gut gemacht werden.

  • warum lade H&M euch nicht ein?Vielleicht wollt ihr gar nicht zu so einer langweiligen Schau? Ich persönlich verstehe nicht, warum jemand alle schauen sehen will. wenn man zu viel sieht sieht man doch am ende gar nichts mehr richtig! nur weil man überall eingeladen ist, muss man überall hin? und Barbara, ich liebe deinen schreibstil. ich habe bei diesem Artikel gedacht, dass wenn man dir deinen Stift oder computer wegnehmen würde, würdest du wahrscheinlich sterben 🙂

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