Sterben die Mulitbrands-Stores aus?

Wer jemals bei Eickhoff auf der DĂŒsseldorfer Kö einkaufen war, weiß, was aufdringlicher Verkaufsservice bedeutet. Gleich beim Eingang begrĂŒĂŸen vier VerkĂ€uferinnen strahlend die Neuankömmlinge, eine davon steigt – sich noch diskret im Hintergrund haltend – hinter der Kundin die Treppe hinauf in das Reich der Designermode. Dort angekommen weicht die VerkĂ€uferin einem nicht mehr von der Seite, ja, man könnte sie sagen, sie klebt förmlich an den Fersen. Sobald man ein KleidungsstĂŒck nĂ€her unter die Lupe nimmt, steht sie sofort mit Rat und Tat zu Seite: "Wollen Sie das mal probieren? Welche GrĂ¶ĂŸe? Das passt wunderbar zu..." An diesen Klebestoff-Service bei Eickhoff muss man sich immer erst ein bisschen gewöhnen. Kein "Ich will nur mal schauen" des Kunden kann die VerkĂ€uferin abschĂŒtteln. Doch ich habe genĂŒgend Freundinnen aus DĂŒsseldorf, die genau diesen Service schĂ€tzen. Sie fanden das perfekt passende Teil des Designers X zum gesuchten Rock des Designers Y, ergĂ€nzt durch einen Schal von Designer Z und Schuhen von Designer ...
Eickhoff war nicht nur einen Institution in der deutschen Modehandelslandschaft, nein, er war auch der Perfektionist in der markenĂŒbergreifenden Verkaufsberatung. Wer das GeschĂ€ft an der Kö verließ, hatte ein komplettes Outfit in der Tasche, bestehend auch verschiedensten Designermarken. Nun wird diese letzte Insel der Modeberatung durch einen Flagship von Dior ersetzt. Und damit verschwindet nicht nur ein Laden, ein Service, sondern ein ganzes Genre. Das der Multibrand-Stores. Vor Eickhoff haben schon andere LĂ€den dieser Ausrichtung in Deutschland die Segel gestrichen: Hysterie in Frankfurt, Van Ravenstein in Berlin, Möller & Schaar in Frankfurt, Grace in MĂŒnchen, Fischer in Stuttgart, Maendler in MĂŒnchen stehen stellvertretend fĂŒr die viele kleineren, weniger bekannten Ladenschließungen in anderen StĂ€dten.
Modepilot-Old England-Paris-Fashion-Blog-Foto: Markert
Doch dies ist kein nationales Problem, in ganz Europa kĂ€mpfen die Multibrand-Boutiquen ums Überleben. Manchmal vergeblich. So berĂŒhmte LĂ€den wie die von MariaLuisa und Old England in Paris gaben auf, W.A.L.T.E.R in Antwerpen schloss die Tore und viele mehr. In ihre Lokale ziehen entweder und – je nach Lage – die schicken Flagships des Designerlabels ein oder eben wie im Fall von Maendler in MĂŒnchen schnelle Vertikale wie Mango, Zara, H&M, Maje, Sandro etc.
Damir Doma
Dass sich es lohnt, den Retail selbst in die Hand zu nehmen, verstehen immer mehr Labels und sogar die, fĂŒr die ein eigener Laden ein großes finanzielles Risiko darstellt. Wie Damir Doma, der Anfang des Jahres sein ersten eigenen Laden in Paris eröffnete. Ein Kraftakt an Investitionen.
Modepilot-Alaia-Store-Paris-Fashion-Blog
JĂŒngst hat auch Azzedine Alaia in Paris sein eigenes GeschĂ€ft aufgemacht. Das ist fast schon verwunderlich fĂŒr den eingebĂŒrgerten Franzosen aus Tunis, der ansonsten gerne das regulĂ€re Fashionsystem boykottiert. Sein schicker Laden wird dem nahe gelegenen Montaigne Market gar nicht gefallen, der stets gut Alaia verkaufte.
Modepilot-Paris-Fashion-Blog-Foto: MarkertTwenty Twelve London
Selbst die inzwischen etwas aus der In-Label-Riege verstoßenen Miller-Sisters haben fĂŒr ihr Label Twenty 8 Twelve bereits drei !!! LĂ€nden in London.
Die Idee aller dieser LĂ€den ist: Von Kopf bis Fuß in einer Marke gekleidet zu sein. Wollen wir das? Nein. FĂŒr uns Konsumenten heißt es daher, einen Laden nach dem anderen abzuklappern. Weil man aber eben nicht eben den Rock von Flagship 1 zur Bluse in den Flagship 2 mitnehmen kann, um es als Outfit zu probieren, bleiben viele Konsumenten, die auf den Euro schauen mĂŒssen und nicht mal schnell was kaufen können, ratlos zurĂŒck. Sie wandern ab in die KaufhĂ€user, die sich in den letzten Jahren zu wahren Designertempeln gemausert haben. Breuninger in DĂŒsseldorf ist das jĂŒngste Beispiel und setzt nur das um, was Selfridges, Galeries Lafayette, Macy's, Le Printemps, Harrod's, Harvey Nichols, Bloomingdale's, Henri Bendel, Le Bon MarchĂ© seit Jahren erfolgreich vormachen.
Stehen die Zeichen also gut fĂŒr die KaufhĂ€user, um den wachsenden Online-Markt Paroli zu bieten? Ich weiß es nicht und so ganz will ich es auch nicht glauben. Zwar bestĂ€tigte mir die Chefin von Galeries Lafayette, dass gerade betuchte arabische Frauen lieber bei ihr als bei den Flagships in der Avenue Montaigne einkaufen, weil es anonymer ist. Aber ist reprĂ€sentativ? Wenn ich viel Geld ausgeben möchte, will ich nicht dann einen Service Ă  la Eickhoff? Oder die völlige AnonymitĂ€t eines Online-Shoppings bei Mytherea oder Net-a-Porter??? Und brauche ich die Massen, die sich jeden Samstag durch diese riesigen LĂ€den schieben?
Und noch eine viel wichtigere Frage ist doch: Wo shoppen wir demnĂ€chst die kleinen Labels, die so klein sind, dass sie sich eben keinen Flagship Store leisten können. Die Nachwuchsdesigner, die eh um jeden Cent kĂ€mpfen mĂŒssen? Wie und wo komme ich als Kundin nun an die ran? Gut, in KaufhĂ€user wie Selfridges oder Le Bon MarchĂ© gibt es diese Marken, weil sich die KaufhĂ€user eigene EinkĂ€ufer nur fĂŒr neue Labels halten. Auch Le Printemps hat es schlau angefangen und sich das hellseherische Modeauge von Maria Luisa gesichert, um einen Store-in-Store fĂŒr Upcoming Labels zu installieren. Aber das ist nicht die Regel, sondern das sind die Ausnahmen. Wo aber finde ich das in Deutschland? Und wie wird es, wenn die letzten Felse in der Brandung wie Theresa, The Corner oder Quartier 206 auch noch aufgeben, weil sich vielleicht deren Online-Business mehr lohnt? Schaffen es Wieder-Einsteiger wie die Mitarbeiter von Möller & Schaar, die einen Neustart versuchen, ĂŒberhaupt noch? Und wie werden unsere InnenstĂ€dte in ein paar Jahren aussehen, wenn es ĂŒberall nur noch H&M, Zara und Consorten gibt? Man mag es sich gar nicht ausmalen.
Angesichts dieser Entwicklungen kann man eigentlich nur zum Shoppen in den letzten verbleibenden Mutimarken-LĂ€den aufrufen.
Also Leute, geht zum Corso Como nach Mailand, ...
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... zu Browns nach London
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... zum Dover Street Market in London
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... zu The Corner nach Berlin
Colette - SNEAKERWALL2
... oder zu Colette in Paris, auch wenn die meiner Meinung nach mehr mit ihrem Accessoires, Schnickschnack und Sneakers-Angebot verdienen denn mit Designermode.
Ich glaube, wir alle mĂŒssen versuchen, eine Handelsstruktur zu erhalten, die gegen den Einheitsbrei ankĂ€mpft, die fĂŒr eine Vielfalt in der Mode steht und die jungen Marken eine Chance gibt. FĂŒr unser BemĂŒhen werden wir durchaus belohnt. Wir sehen anders aus als unser Nachbar, fĂŒr stehen fĂŒr eine modische IndividualitĂ€t. Das ist doch was.
Fotos: PR (5), Barbara Markert (5)
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Kommentare

  • Farbenfreundin sagt:

    Mailand, Paris, Madrid... in Wiesbaden gibt es auch einen empfehlenswerten Multibrand Shop: http://www.HESSLER-fashion.de
    Wobei ich beides gerne mag. Manchmal will ich eben Marke-kaufen, dann geh ich lieber in die Flagshipstores.
  • Hans-J. Wiethoff sagt:

    Liebe Frau Market, Ihre Analyse ist interessant zu lesen und scheint schlĂŒssig.

    Die Kundin will per Saldo sicher nicht komplett in eine Marke gehĂŒllt sein, da bin ich sicher. Es ist vielleicht eine Erscheinung die in der unzureichenden QualitĂ€t der kleinen Boutiquen zu suchen ist.Personal, Umkleidekabinen, WarenprĂ€sentation, Beratung, um nur die Hauptpunkte zu nennen. Das kann den Designern nicht gefallen und so nehmen sie es in die eigenen HĂ€nde.Was ist mit den großen KaufhĂ€usern? Jahrelanger Tiefschlaf und Verkauf von "preiswerter Massenware", unglaublich! Man hat das Feld vielen der mit geringem Kapital und (sorry) z.T. mit geringem Know How ausgestatteten und nicht auf der Höhe der Zeit arbeitenden Boutiquen

    ĂŒberlassen. Endlich besinnt man sich: Kapital und Fachpersonal ist vorhanden und jetzt soll die Kundin ins Kaufhaus kommen.Ein breites Angebot lockt. MonogeschĂ€fte der Designer werden es schwerer haben und mit den KaufhĂ€usern kooperieren.Da mĂŒssen manche Boutiquen weichen, verstĂ€ndlich. Aber in Kombination mit stationĂ€rem Angebot (super Beratung und PrĂ€sentation)und Onlineshop, wirds gehen. Da haben kleinere Modeanbieter eine gute Chance. Sie sind flexibel und können auch Newcomern eine Möglichkeit bieten.


  • auchmilan sagt:

    traurig aber wahr, die zukunft der multibrand-stores sieht eher dĂŒster aus... das hat viele grĂŒnde.

    auch hier in italien haben schon einige der großen der branche dichtgemacht und ihre geschĂ€ftslokale den ĂŒblichen unbekannten ĂŒberlassen.


  • gjcd sagt:

    Jawoll, wird jemacht!

    Und gleichzeitig breche ich eine Lanze fĂŒr all die kleineren, meist inhabergefĂŒhrten GeschĂ€fte. Was meine Mutter immer so schön "gut sortiert" nennt, beweist doch auch im kleineren Rahmen GespĂŒr fĂŒr Chic. Viele "kleinere" Designer habe ich erst so entdeckt. Also: Support your local dealer!


  • Melanie sagt:

    Vielen Dank fĂŒr den Artikel! Sehr gut auf den Punkt gebracht, fĂŒr solche BeitrĂ€ge ist modepilot wirklich lesenwert. Viele GrĂŒĂŸe
  • Eva Parke sagt:

    Sehr gut analysiert ... obwohl man, wenn High-Fashion gekauft wird, auch ein wenig verstehen kann, dass der Kunde dann alles sehen will ... aber in den tollen Shops wie Eickhoff & Co. ist man auch immer fĂŒndig geworden und viele der Flagshipstores laufen ja auch nicht ĂŒberall wie geschnitten Brot ... man wird sehen, aber ein Verlust ist dieser Wandel auf jeden Fall. Toller Bericht!
  • Sallinger Eveline sagt:

    Liebe Barbara Market, BRAVO - mit Ihrem aktuellen Artikel haben Sie es mal wieder genau auf den Punkt gebracht. Bin sehr begeisert. Ich wĂŒnsche Ihnen alles Gute und freue mich bereits sehr auf ein persönliches Kennenlernen mit Ihnen. Mit herzlichen GrĂŒĂŸen, Eveline Sallinger