Wie Exklusivität Begehren schafft

Heutzutage bekommt man fast alles. Und wenn nicht, dann online. Sieht man ein schönes Kleid in einer Zeitschrift, setzt man sich an den Computer und geht auf die Suche. Irgendein Shop wird das Kleid schon haben.
Was tun? Ich ging nach Monaten endlich mal wieder reel, also im Laden shoppen. So was muss bei mir vorbereitet werden. Ich brauche 1. Zeit, 2. eine Betreuung f√ľr babyoffice, denn mit ihm brauche ich in keinen Laden gehen, weil er alles auf den Kopf stellt, 3. Lust. Am Samstag nahm ich mir also 2 Stunden frei und d√ľste los, einmal √ľber die Seine zum Sportmax Laden. Nun bin ich schon in der glorreichen Situtation, in einer Stadt zu wohnen, wo alle Marken dieser Welt vertreten sind, aber das Kleid hatten die auch nicht. Sie hatten es auch nie gehabt. Antwort der wahnsinnig netten Verk√§uferin: "Das gab es nur in Mailand." Auf Nachfrage wurde mir erkl√§rt: Online-Shopping will Sportsmax nicht machen, bei den gro√üen Kaufh√§usern sind sie kaum vertreten, L√§den gibt es wenige und fast nur in den Hauptst√§dten und der Einkauf wird von woanders gesteuert. Sie h√§tte das Kleid auch nicht aus Mailand besorgen k√∂nnen, nur nachfragen, ob sie es denn dort h√§tten...
Sportmax reiht sich damit ein die Riege der Marken, die eine neue Exklusivit√§t postulieren. Motto: Uns gibt es eben nicht √ľberall, basta. Genau dieses Shopping-Szenario sagte Ex-Balenciaga-Designer Nicolas Ghesqui√®re mir in einem Interview vor vielen Jahren voraus. "Man wird den Kleidern hinterher fahren", prophezeite er mir.
Sind wir auf dem Weg zu einem neuen Fashiontourismus, weil bestimmte St√ľcke nur ganz selektiv angeboten werden?¬†In einer Zeit, wo man alles bequem vom Schreitisch aus kaufen kann, halten viele Manager dies als DIE neue L√∂sung, um Begehren aufzubauen und eine Marke exklusiv zu halten. Kollektionen reisen von einem Ort zum n√§chsten und sind nur wenige Monate in bestimmten Locations zur haben. Wer dann nicht zugriffen hat, muss eben den Flieger nehmen. Fashionistas werden zu J√§gern, die sp√§ter stolz ihre Beute pr√§sentieren k√∂nnen. √úberproduktionen und Sales-Perioden k√∂nnten dann der Vergangenheit angeh√∂ren. Stichwort: Limitierung in Anzahl und Raum.
Aber funktionieren wird das nur bei absoluten Highlight-Modellen und auch nur bei ganz wenigen Marken. Frage ist auch: Wollen wir das? Ich war nach den frustierenden Aussagen der Verk√§uferin kurz davor, Auchmilan in Mailand anzurufen und ihn zu bitten, mal in Mailand nach zu schauen, ob es dort das Kleid gibt. Das allerdings hatte sich dann doch er√ľbrigt, weil ich bei Sportmax mein Budget anderweitig anlegte - in einen schwarzen Strick-Parka. Den brauche ich eh dringender als das Kleid, weil mein alter √úbergangsmantel das Zeitliche segnet. Und soll ich Euch was sagen: Ich verspreche mir davon, dass ich auf der n√§chsten Fashionweek die einzige bin, die diesen Parka hat. Wenn das Zeugs so schwierig zu bekommen ist, dann ist die damit einhergehende Befriedigung √ľber den Besitz fast schon proportional h√∂her, oder? Ja, ja, ich wei√ü, ich bin den Managern ins Netz gegangen. Aber so ist es eben nun mal. Was beinahe Exklusives zu besitzen, schafft Mehrwert. Und mit dieser Meinung stehe ich sicherlich nicht alleine.
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Kommentare

  • J√©r√īme sagt:

    Parisoffice, ich verstehe Dich so gut. Aber noch schlimmer ist es, dass den meisten Designern so viel aus einer Kollektion weg storniert wird, weil die Produktion der Teile die Verkaufspreise exorbitant in die H√∂he schie√üen lassen w√ľrde. Dann habe ich lieber √ľberall das gleiche Fashion Show Teil anstatt 08/15 Klamotten f√ľrs Volk. Und anhand der Preise selektiert sich sowieso, wer es sich leisten kann und wer nicht. Das ist dann meist eh nur noch ein Q√§untchen. (leider.)
  • parisoffice sagt:

    Ich bef√ľrchte auch, dass es gar nie in Produktion ging. Dabei ist das doch ein Traum!
    Mit Jer√īme gehe ich aber ausnahmsweise nicht konform. Wo ich doch sonst immer seiner Meinung bin. Nein, ich will gar nicht als Konsument √ľberall das gleiche Angebot haben. Nein, nein, nein. Fr√ľher hatte man die M√∂glichkeit im Urlaub was zu kaufen, was sonst niemand zu Hause hatte. Das m√∂chte ich wieder haben. Und alle Shoppingberater und Handel-Theoretiker, wie auch TRendforscher best√§tigen das. Ubiquit√§t ist OUT! Und zwar vollkommen. Ich zeig gleich nachher mal, was n√§mlich sonst passiert in einem Streetstyle!
  • kathrin sagt:

    Vielleicht gab es das Kleid NIE in Produktion aber Du bist deswegen in den Laden gefahren und hast etwas anderes gekauft...das war doch der Plan von den Managern...ich finde dieses KONZEPT DOOF DOOF DOOF, aber es funktioniert leider. Ich bin einmal mit dem Taxi durch den Central Park gefahren hinter einer Hose her, die es nicht mehr in der West Seite bei Zara gab, nur in der Ost Central Park Boutique ...und hab gedacht ich bin reif f√ľr eine Modetherapie ! bis ganz bald auf dem Spielplatz!
  • Wie Exklusivit√§t Begehren schafft | Placedelamode sagt:

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  • J√©r√īme sagt:

    Das ist leider keine Exklusivit√§t, sondern ein vom Shopmanager gesteuerster Einkauf. Normalerweise sollte es vom Headquarter aus bestimmt werden. Zumindest ein gewisser Prozentsatz. Wenn Shopmanager jedoch genug Freiraum gelassen wird, f√§llt die Ware in jedem Shop anders aus. Nach meiner Meinung ist das f√ľr das Image des Hauses nicht gut, da deckungsgleiche Warenbest√§nde f√ľr die Company Identity des Hauses unabdingbar sein sollten. Mailand sah in dem Teil anscheinend Potential f√ľr seine Kundschaft. Paris hingegen nicht.

    Dass das Kleid nicht zu organisieren sei, ist eigentlich unmöglich. Solange nicht der Whole Sale damit zu tun hat. Selbst bei einem Franchise Partner könnte man es ordern.

    Option A ist: Die Verkäuferin hatte keinen Bock...

    oder Option B: Sie wusste nicht, dass das Teil storniert wurde, womit wir dann bei Deiner These wären, dass man eine gewisse Exklusivtät leben ("vortäuschen") möchte.

    Vielleicht kann ja mal Auchmilan im Mailänder Shop nachfragen, was nun Sache ist.


  • Annemarie sagt:

    Exklusivit√§t bzw. Limitierung funktioniert als "Anheizer" √ľbrigens √ľberraschenderweise nicht nur bei Highfashion oder Luxuswaren. Beobachtet man mal z.B. den Hype um die "Dm Boxen". Der Wert allein (Waren im Wert von ca. 20 Euro f√ľr 5 Euro, eigentlich l√§cherlich) kann diesen Run und ja, diese Hysterie - nicht ausl√∂sen. Es kann also nur die Limitierung sein. Erstaunlich, wie gut so etwas funktioniert!