Inès de la Fressange im Interview

Der Bestseller La Parisienne von Top-Model und Stil-Ikone Inès de la Fressange gibt es seit kurzem auch auf Deutsch. Dort heißt das Buch nun Pariser Chic und ist im Knesebeck Verlag erschienen. (240 Seiten, Preis € 24,95). Über die französische Ausgabe des Buches hatten wir hier schon ein paar Mal berichtet. Deshalb erwähne ich nun nicht noch mal, dass Inès dort ein paar wichtige Tipps verrät, wie man sich als Parisienne verkleiden kann und wie man seinen Kleider- und Beauty-Schrank aufmöbelt mit Essentials. Das Buch ist auch ein guter Shopping-Guide für Paris, besser als jedes dieser üblichen Reisebücher. Also, kurzum, das Buch kann ich empfehlen.
Doch ich will diese Übersetzung zum Anlass nehmen, mal wieder eine Folge unserer Unplugged Reihe zu posten. Wie immer gibt es ein höllisch langes EXKLUSIV-Interview zu lesen, das NICHT bearbeitet wurde. Das ist also O-Ton Inès de la Fressange exklusiv für Modepilot. Viel Spaß beim Lesen.
Modepilot: Kaum waren Sie 50, wurden Sie überall gefeiert und waren wieder in aller Munde. Ehrenlegion, Titelblatt auf der Elle, Gaultier Haute Couture Show, Chanel Prêt-à-Porter, Buchautorin, Galeries Lafayette widmet Ihrem Buch 4 Wochen Sonder-Shopping, L’Oréal-Botschafterin...
Ines de la Fressange unterbricht: Ja, alles beginnt mit 50. Sie werden sehen. Es ist super! Es ist wahr. Ich hatte mir vorgenommen, wenn ich mal 50 bin, dann werde ich weniger arbeiten, mir meine Nachmittage frei nehmen. Mal auf lau machen. Je mehr ich mir das vornahm, desto mehr Sachen fielen mir auf den Kopf. Und was sie da nun aufgezählt haben, ist nur die Spitze des Eisbergs. Denn normalerweise habe ich einen Job bei Roger Vivier. Das läuft super, also gibt mir mein Chef Diego della Valle andere Projekte obendrauf. Und das wird ja gar nicht öffentlich. Dann beschäftigt sich meine eigene Firma mit verschiedenen Marken, wo ich als Beraterin arbeite. Der Teil der Arbeit , den man sieht, ist der des Mannequins. Dabei ich höre nicht auf zu sagen, dass workaholics out sind, dass  Frauen sich ihre Zeit nehmen sollen für sich. Doch ich renne zwischen den Interviews kurz ins Büro, um die Mails zu checken und da schreibt mir doch glatt einer: Man soll nicht vor dem Unwetter flüchten, sondern im Regen tanzen. Sehr nett. Aber ich tanze im Unwetter.
Ist Ihnen denn das alles einfach so zugeflogen, oder haben Sie irgendwas gemacht, dass Sie wieder so begehrt sind?
Ganz am Anfang war es immerhin die Elle, die mich zeigte – ohne Retusche. So mit Falten. Das waren schöne Bilder, aber man sah die Zeichen der Zeit. Und sie zeigten mich mit meinen Kindern. Schauen Sie sich mal die Magazine an. Dort gibt es kaum Frauen mit Kindern zu sehen. Eine Frau im Alltag, die sehen Sie nicht. Nur schöne Mädchen auf High Heels ohne eine Delle Cellulite. Aber so Frauen wie uns, die zu spät sind, die ein Baby unter dem Arm haben, das Telefon am Ohr, den Kalender in der Hand... Auf den Artikel kamen viele auf mich zu. Letzte Woche war ich bei Le Point auf dem Titel. Angeblich hätte sich das bombig verkauft. Ich bin sehr geschmeichelt. Ich denke, die Medien haben erkannt, dass auch das Alter ein gutes Image hat.  Aber Vorsicht, ich spekuliere nur. In Wirklichkeit weiß ich wirklich nicht, warum das nun alles passiert.
Glauben Sie, dass sich unsere Idee der Schönheit wandelt?
Vielleicht gab es auch zu viel Photoshop in den letzten Jahren und es ist Zeit, für was Neues. Zu meiner Modelzeit war die Retusche noch ein schwierige Arbeit, heute geht das ruck-zuck und jeder kann seine Haut mit dem Computer glätten. Vielleicht gab es auch zu viel aseptische, uniforme Bilder in den letzten  Jahren. Ich bin kein großer Philosoph der Mode. Aber vielleicht haben sich tatsächlich die Kriterien der Mode gewandelt. Nicht nur in der Schönheit, vielleicht auch die Art zu leben. Vielleicht geht es gar nicht um mein Gesichtszüge, sondern dass ich eine bestimmte Art zu leben repräsentiere.  Jedesmal, wenn ich fotografiert werde, bittet man mich, bei mir zuhause fotografieren zu können, mit den Kindern, mit den Hunden. Dem Auto. Es geht nicht nur um mein Gesicht. Vielleicht geht es um die Lebensform, nicht nur die Schönheit.
Sie wurden 2011 Botschafterin von L’Oréal. Waren Sie das früher schon mal?
Oh nein, ich war nur ein bisschen Botschafterin für Chanel. Aber vor langer Zeit. L’Oréal fragt mich nun auch nicht als Model aufzutreten, glücklicherweise. Das ist der Unterschied. Hier bin als Person gefragt und man involviert mich in alles: in das Make-Up, die Frisur, die Kleidung.  Das ist die totale Freiheit.
Zur Rolle als Botschafterin gehört auch, Interviews zu geben, eine Message zu haben. Haben Sie die?
Sie lautet: Bravo, dass Sie mich gewählt haben, das ist eine exzellente Idee. Ich hätte den Job nicht akzeptiert, wenn es so eine aseptische Kampagne wie früher gewesen wäre, weil ich das lächerlich finde. Aber nachdem L’Oréal nun Frauen mit Personalität will, und eine neue Philosophie im Unternehmen herrscht, die mehr dem entspricth, was ich mag, denke ich, dass wir Gutes zusammen erreichen können. Das ist nun ein echtes Gleichgewicht. Jeder kennt L’Oréal, sein tolles Labor mit seinen Produkten, aber daneben gibt es auch viele Aktivitäten, bei denen Frauen in schwierigen Lebenssituationen geholfen wird. Die Firma engagiert sich auch für Leute mit Problemen im Beruf, für Behinderte... Sie helfen ihnen mit Make-Up, diesen Frauen Lebensmut zurück geben. Auch der Zugang an die Umwelt ist viel moderner.Aber natürlich war ich sehr geschmeichelt, gefragt zu werden. Der Job passt zu dem, was ich seit Jahren erzähle. Wie  ich auch im Buch La Parisienne erzähle, das ich letztes Jahr geschrieben haben. Alles passte zusammen. Ich werde nicht als Klischee dargestellt.
In der Pressemittelung sagen Sie: Für mich ist Schönheit die Quelle für Freiheit. Wie ist das zu verstehen?
Weil ich es mir wert bin. Das bringt Leute zum lächeln, wenn man es sagt. Es ist ein bisschen auch, um witzig zu sein, dass man das sagt. Aber wenn man sich diesen Satz genauer unter die Lupe nimmt, will es ausdrücken, dass man seine Persönlichkeit, seine Identität, das, was man ist, akzeptiert. Ich habe den Satz auch ein bisschen abgeändert in „Wir sind uns es wert“. Wir, die Frauen. Ich gehöre zur Generation nach der Frauenbewegung, wir waren alle Femininstinnen. Heute haben wir Rechte, aber nicht alle.
Hat Ihnen Ihre Schönheit Tore geöffnet? Sie führen ein sehr erfolgreiches Leben.
Als Mannequin öffnet einen Schönheit natürlich Türen, aber für mich war es anfangs gar nicht einfach.  Ich war eine atypische, nicht kommerzielle Schönheit.  Es waren Leute wie Gaultier und Mugler, die mich buchten, aber nicht Dior. Auch Chanel nicht. Bei Chanel sagten sie etwas in der Art,  wie dass ich zu groß sei. Oder was Ähnliches. Weil ich vollkommen anders war als die anderen Mannequins. Ich hatte kurze Haare, kaum Schminke, ich trug schwarze Lederjacken und die Leute dachten, dass ich Drogen nehme. Um das abzukürzen. Jetzt sagt man, dass ich ein großes Model war. Stimmt, aber ich war atypisch. Man sagte, ich sei ein Mannequin, das redet, weil ich meine Meinung äußerte. Es gab damals keine Models, die Interviews gaben oder im Fernsehen erschienen. Ich war bizarr. Ich glaube, mehr als dass es mir geholfen hat, groß und dünn zu sein, hat mir geholfen, dass ich anders war.  Die andern liefen mit der Hand an der Hüfte über den Laufsteg, ich lief im Zick Zack. Das hat mir sicherlich geholfen. Leute, die mich das erste Mal sagen und nicht kannten, fragten sich sicherlich, wer das Mädchen ist, das vom Catwalk hüpft und sich zwischen den Journalisten tummelt. Oder die defiliert mit ihrem Hund, ihrer Kamera oder einem Paar Skier.  Groß und dünn zu sein, war mein Eintritt ins Mannequinat, aber dass ich anders war, brachte den Erfolg.  Außerdem war ich die einzige Französin.
Woher kam diese Freiheit, sich anders zu benehmen, sich heraus zu nehmen, bizarr zu sein. Sind Sie so erzogen worden?
Ich glaube, ich hatte außergewöhnliche Eltern. Und auch eine sehr wunderbar-verrückte Großmutter. Bei uns wurde es auch sehr hoch gehalten, kreativ und ideenreich zu sein. Bei uns waren ein Schriftsteller oder ein Künstler wichtiger als ein Bürgerlicher. Wir waren sehr unkonventionell. Ich glaube, ich hatte keine Wahl, ich hätte nie so ein Mannequin wie die anderen sein können, die graziös ein Kleid vortragen. Außerdem haben mir danach immer alle gratuliert. Also habe ich damit weitergemacht. Das war so eine Art Flirt. Als ich dann später Designer wurde, war es in der Mode, dass die Boutiquen alles sehr schick, leer , kalt und mit Spiegeln und Metall ausgestattet waren. Und die Kleider untragbar und sehr teuer. Ich dagegen habe einen Laden aufgemacht, der bunt gestrichen war und aus Holz war. Rosa, Gelb und Blau und die Kleider waren alle tragbar und zwar für alle Frauen.  Das war genau das Gegenteil der anderen. Ich habe in der Rue Montaigne eröffnet, da war damals nur Dior und Mori – das war alles. Ich verkaufte alles möglich: Hundehalsbänder, Briefpapier, Gläser, Geschirr, Möbel. Man sagt mir, dass sei nicht  schick, Schreibheftchen für 10 Francs zu verkaufen. Ach, eigentlich habe ich einen Konzeptstore erfunden.
Sind Sie noch immer anders – heute?
Ja, wenn man bedenkt, dass ich mit 53  noch immer als Mannequin arbeite.  Aber im Alltag und in meinem Job muss ich schnell entscheiden, weil die Mode ein schnelles Geschäft ist. Aber ich versuche immer anderes zu entscheiden als andere. Wenn man mir zum Beispiel Werbeprospekte vorstellt, also irgendwelchen schönen Bilder, dann lobe ich erst brav die anderen, aber ich sage ihnen auch, dass ich schon zehn andere der gleichen Art bekommen habe und dass die deswegen direkt in den Mülleimer wandern. Warum soll ich bei Roger Vivier das Gleiche machen, wie alle anderen, wo doch schon die Historie anders ist, wir Vintage-Möbel im Laden haben etc.? Wir wollen Luxus machen, aber anders als die anderen. Und deswegen muss die Kommunikation auch anders sein.  Deshalb machen wir Aquarelle oder Zeichnungen oder nehmen anderes Papier oder eine andere Art zu fotografieren.  Am Ende sind alle glücklich. Es ist meine Rolle, so zu sein, ich selbst bin gar nicht anders.  Wenn ich nach Miami fahre und mir die Läden anschaue, die alle gleich sind, außer dem von Roger Vivier, bin ich stolz. Ich bin es selbst nicht, aber ich mache es für die Firma, für die ich arbeite.
Und im Privatleben – ist das auch alles anders?
Oh nein, ich lebe total konventionell. Wenn ich nach Hause komme, sind die Glühbirnen durchgebrannt. Eine fehlt hier, eine dort. Ich bin spezialisiert in Glühbirnenwechseln. Die Kinder sitzen über ihren Hausaufgaben und ich verstehe rein gar nichts und kann ihnen nicht helfen. Die Kleine hat nicht gebadet, sie wollen nicht die Zähne putzen...
Sie sind also nicht die Superwoman, wo alles stimmt?
Oh nein, gerade komme ich aus dem Büro, wo die Mails sich anhäufen. Meine Assistentin erinnerte mich an all’ die Sachen, bei denen ich hinten dran bin. Auch zu Hause sind einige Dinge noch immer nicht erledigt, die längst hätten erledigt werden sollen.  Ich bin zu spät, vergesse was. Ich bin nicht perfekt und habe auch gar keine Lust, das zu sein. Und ich könnte es auch nicht. Ich bin da wie alle anderen Frauen. Dabei wird mir schon sehr geholfen, ich habe eine Assistentin, ein Kindermädchen, Putzfrau...
Finden Sie denn Zeit für Ihre Schönheit?
Überhaupt nicht.
Und wie bleiben Sie dann schön?
Das ist nett von Ihnen, dass Sie das sagen, danke. Aber ich sollte mal wieder zur Maniküre gehen. (Ines schaut ihre Hände an) Beauty-Institute regen mich auf, mit ihrer New Age Musik, und ich habe keine Lust, da hin zu gehen. Außerdem geht da ein halber Tag flöten und die Zeit habe ich nicht, denn ich habe zu vieles anderes zu tun. Dann bekomme ich ständig irgendwelche Produkte zugeschickt mit den Pressemitteilungen, die ellenlang sind. Das sind dann Cremes gegen Augenringe oder ein Serum für das Gesicht, ein anderes für die Stirn, ein Drittes für den Hals. Die eine Creme ist für den Tag, die andere für die Nacht. Schon alleine, bis ich die Gebrauchsanweisung gelesen habe, sind zwei Stunden rum. Ich habe keine Zeit dafür und auch keine Lust.
Aber jetzt übernimmt die Wahl der Pflegeprodukte doch L’Oréal, oder?
Nein, aber die haben das ideale Produkt für mich. Das kann ich Tag und Nacht benutzen, das hat eine Pumpe, ist leicht aufzutragen. Das heißt Revitalift. Das passt mir perfekt. Schon alleine die Verpackung. Die gefällt mir, alles ist einfach und simpel aufzutragen. Und der Font de Teint von L’Oréal kann man mit den Fingern auftragen. Man muss nicht aufpassen wie früher bei den Fond de Teints und ihn mit dem Schwamm auftragen. All das passt mir. Auch in dem Werbe-Film sagen sie es: Wir haben alle 10 Dinge gleichzeitig zu tun. Na, das stimmt. Und am Ende des Tages, wenn man sich schlafen legt, hat man lange nicht alles geschafft, was man machen wollte. So ist es halt. Wenn ich dann immer lese in den Magazinen über das Leben der Stars. Die morgens schon einen Liter Wasser trinken, dann kommt der Coach zum Exercise.
Ich dachte, so läuft das bei Ihnen ab.
Tja, nein. Leider nein. Ich hätte nichts dagegen, aber so ist es nicht.  Ich habe einen Coach nun fürs Boxen, doch den habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Weil da eine Sitzung war, als ich wegreisen musste, dann kam die Fashionweek etc. Den Coach habe ich seit 6 Monaten nicht gesehen. Aber ich lese in den Magazinen immer, was die anderen machen, die eine mit der Creme, die ihr die Jugend zurück führt, die andere, die Bohnen aufbrüht und dann damit besondere Sachen macht. Ich lese das und das ist meine Zeit der Entspannung. Ich denke dann, dass ich mal eine Haarmaske machen sollte,  oder... Aber ich habe keine Zeit. Und wenn ich Zeit habe, dann will ich gar nichts machen. Ich habe meinen Kindern beigebracht, dass ich ab und an ins Bett gehe mit einem Buch oder einem Magazin und ich dann nicht gestört werden will. Manchmal habe ich eben die Krise der Faulheit, da will nicht mal mehr kochen oder den Tisch decken.
Sie sind von der Natur reich beschenkt worden: Sie sind dünn und machen nicht mal Sport.
Stopp, ich habe es wenigstens vor, Sport zu machen. Das zählt schon mal.
OK. Dennoch. Sie sind superdünn. Denken wir nur an das Bild aus Madame Figaro, wo sie nackt vor dem Spiegel posieren – mit über 50.
Das war sehr lustig. Der Fotograf war ein alter Freund und wir haben das Bild gemacht. Im Lachen zwischen zwei Bildern. Er sagte, das zeigt er nicht der Redaktion. Ich meinte: Hey, gar nicht schlecht. Und dann haben die das genommen. Es wurde nicht mal retuschiert. Da bin ich fast stolz drauf. Als ich 20 war, habe ich niemals Nacktaufnahmen von mir gemacht, da war ich jung. Mit 50 fand ich das fast schon lustig  –  vor allem bei Madame Figaro, einem Journal, das sonst sehr bürgerlich ist.
Das zeigt aber gut, dass sie es nicht nötig haben, eine Diät oder ein Lifting zu machen.
Oh, naja,  ich habe einen kleinen Bauch. Und dann die Stirn-Zornes-falten zwischen den Augen...
Wollen Sie dagegen was machen?
Ein bisschen Botox? Ich finde, das ist danach ein bisschen bizarr, oder? Danach schaut das so komisch geglättet aus. Mais bon, ich muss da wohl was machen. Und dann die Augenringe. Aber ich bin mir selbst nachsichtig und tue nichts. Auf alle Fälle, merke ich, dass Frauen oft 3 bis 4 Kilo oder mehr verlieren wollen, und ich kann essen, was ich will. Aber ich habe das Glück, dass wenn ich keinen Hunger mehr habe, ich nichts mehr essen kann. Und wenn ich ängstlich bin, esse ich gar nichts, Viele Frauen essen im Frust. Und ich esse auch langsam. Aber in meiner Familie sind wir alle groß und dünn.
Sag ich doch, von der Natur verwöhnt.
Ja, wir haben Glück. Ich gestehe es ein.
Glück – was ist das für sie?
Glück ist gut zu verstehen, was gut für einen ist und die guten Entscheidungen zu treffen, wenn man wählen kann. Es gibt Leute, die Glück haben, und es gar nicht wissen. Ich realisiere mein Glück vollkommen. Zum Beispiel, dass ich tolle Kinder habe. Ich kenne viele, die ständig mit ihren Kindern rumstreiten.  Sie realisieren nicht, dass ihre Kinder weder Drogen nehmen, noch Blödsinn machen. Weil die Leute Angst um ihre Kinder haben, werfen sie ihnen stänidg was vor. Ich dagegen sage mir jeden Tag, dass ich einen Beruf habe, den ich liebe, einen Chef, der nicht doof ist und den ich eher bewundere, auch wenn er mich manchmal nervt. Ich vergleiche dann: Er hat mehr Vor- als Nachteile und deswegen bewundere ich ihn. Das ist ein echtes Glück. Heute morgen, als um 6.30 Uhr der Wecker klingelte und ich überhaupt keinen Bock hatte, das Bett zu verlassen, sagte mir, dass ich heute Journalisten treffen werde in einem warmen und sehr hübschen Ort . Da habe ich doch eher Glück, oder?
Sie sind Optimist?
Ja, Sie haben Recht. Krankhaft optimistisch.
Warum krankhaft? Optimismus ist doch gut, das macht das Leben einfacher.
Ja. Ich habe auch viel Vertrauen in andere Leute. Ich denke auch, es ist einfacher.
Sie haben nun die erste Hürde 50 erreicht. Wie geht es weiter? Malen Sie sich manchmal aus, wie sie mit 80 sein wollen?
Oh, ich hatte mehr Angst vor Falten als ich 20 war als heute. Damals: Für die Generation meiner Mutter war es viel schlimmer, ihr Feminität zu verlieren mit einem alternden Gesicht. Ich dagegen wurde dermaßen oft als junges Mädchen fotografiert, dass ich allen die Bilder zeigen kann und sagen: Schaut her, wie niedlich ich war, als ich jung.
Ich habe sehr profitiert davon, jung zu sein. Wenn ich an meine kommenden Jahre denke, habe ich eher Angst davor, dass Leute, die ich mag, aus meinem Leben verschwinden. Sterben. Ich mache mir weniger Gedanken um mein Gesicht. Klar werden dann die Backen hängen. Viel schwieriger ist es dann, sich aus dem Sofa zu erheben. Und ansonsten wird es wie jetzt sein: Wenn ich mich im Spiegel betrachte, schaue ich besser aus, wenn ich vorher nicht die Brille aufgesetzt habe.  Ich denke, die PR-Leute von L’Oréal wissen das und machen die Interview immer in Locations mit alten fleckigen und ungenauen Barockspiegeln.
Aber ich denke, dass man im Leben davor, seinen dritten Lebensabschnitt vorbereiten muss. Man darf dann kein Bedauern haben oder die Meinung, dass man was verpasst hätte. Meine Großmutter hatte immer diese Erinnerungen, sie sagte: Damals als ich jünger war, so um die 40. Mir erschien das Kind immer furchtbar alt. Es gibt immer jünger als man ist, aber es gibt auch immer älter. Es kommt auf die Sichtweise an. Mit 80 werden ich dann als ein Jungspund durchgehen im Vergleich zu meinen Freunden, die dann vielleicht 100 sind.
Gibt es ein Alter, das sie besonders mochten, oder denken sie, dass Sie nun ihren Zenit erreicht haben?
Ich mochte sehr gerne meine 30er Jahre. Damals war ich noch sehr jung, aber auch schon reifer, weniger egozentrisch, man achtet mehr auf andere. Man hat seine Fehler und auch seine Qualitäten kennen gelernt. Ich habe schöne Erinnerungen an diese Zeit, ich habe damals meinen Mann kennengelernt. Aber ich wende mich nicht sehr der Vergangenheit zu. Den ganzen Morgen lang heute bei den Interviews musste ich aus meiner Zeit als Mannequin erzählen. Aber das ist alles für mich vergangen, ich lebe sehr im Jetzt und auch in der Zukunft. Mit neuen Projekten, was wir im Job machen wollen. Ich habe auch keine Lust, die ganze Zeit von mir zu reden. Ich bin ja keine Schauspielerin, wo man Revue passieren lasst, wann sie mit wem gedreht hat und welcher Film was für ihre Karriere bedeutete. Ich bin nicht so. Ich lebe das Leben einer Frau, die arbeitet, die Projekte hat, wo es um anderes geht als nur immer um mich. Immer drehen sich die Fragen um meine Zeit als Model, aber die ist lange vorbei, auch wenn ich mal kurz wieder zurück gekehrt bin. Danach war ich Stylistin, danach hatte ich meine eigene Firma.
Sie hatten zwei Rückschläge in ihrem ansonsten sehr erfolgreichen Leben. Sie haben ihre Firma verloren und auch ihren Namen und ihr Mann ist sehr plötzlich aus dem Leben gerissen worden. Haben diese zwei Schicksalsschläge Sie stark gemacht?
Ich denke, alle haben Hoch und Tiefs, schwere Momente zu meistern. Als ich meine Firma verlor, war ich eher um mein Team traurig und besorgt.  Die Leute, die in der Firma blieben, wo sich das Klima sehr gewandelt hatte. Und die, die gekündigt wurden, weil sie mir zu nahe standen. Das war sehr unangenehm. Ich habe mich schnell getrennt von diesen Gedanken um Besitz und das Haben von Objekten, Eigentum. Ich habe eine gute Distanz zu Besitztümern aufgebaut. Aber der Verlust meines Mannes, war sehr, sehr hart.  Und auch unerwartet. Das war ein echter Bruch mit der Art, mein Leben zu sehen, dem ich bis dahin immer sehr optimistisch begegnet war.  Wissen Sie, man kann sich immer trösten. Wenn das Haus brennt, tröstet man sich, dass man die Familienbilder gerettet hat. Wenn das Auto kaputt ist, kauft man eines. Aber einen Menschen zu verlieren, darin kann man sich nicht trösten.  Aber  man wird stärker und auch reicher, weil man danach anders auf Andere hört und zugeht.
Ich denke, so etwas rückt die Werte besser zurecht.
Man kann wählen: Entweder lebt man weiter in einem Drama oder man versucht, daraus das Beste zu ziehen und positiv in die Zukunft zu blicken. Es als Leichtigkeit zu sehen, dass die Zeit Wundern heilt. Alles ist in Bewegung und es ist besser auf der Welle zu reiten, statt gegen sie anzukämpfen.  Ich versuche nun mit meinen Freunden und meiner Familie wertvolle Momente zu bewahren. Man weiß nicht, was noch alles passieren wird. Wenn Dinge oder Menschen wichtig sind, muss man ihnen eine Priorität zugestehen. Dann eben ein Telefonat verschieben und auch ein Businessmail kann mal einen Tag warten.  Die Familie, die Kinder und alle anderen wirklich wichtigen Dinge müssen auf der To-Do Liste nach ganz oben gesetzt werden. Jeder ist gestresst, hat zu viel zu tun, aber die Prioritäten müssen stimmen.
Sie haben auch einen neuen Lover gefunden.
Ja, Sie sind sehr gut informiert.
Ihre Tochter Nine posiert das erste Mal für ein Modeunternehmen, für das neue Parfum von Bottega Veneta.
Ja, sie hat sehr viele Angebote abgelehnt. Aber Thomas Maier ist einfach ein großer Stylist und über Bruce Webber muss man kein Wort verlieren. Aber sie macht nur diese eine Shooting und ansonsten geht sie weiter zur Schule.
Geben Sie ihre Tochter Ratschläge beim Modeln?
Oh nein, als das Shooting gemacht wurde, war sie 16, nun 17. Die kann mir Ratschläge geben.
Aber Sie sind doch Expertin in diesem Beruf?
Ja, aber dahinter steckt L’Oréal und die wissen genau, was sie tun. Ein Mädchen, jung, hübsch, intelligent, sympathisch – und natürlich. Sie weiß genau, was sie will.  Und die anderen sind sehr talentiert.
Sie werden oft als die typische La Parisienne genannt. Nervt Sie es, immer damit in Verbindung gebracht zu werden.
Nein, nein. Die Parisierin, das ist jemand mit Humor, einer gewissen Freiheit. Ich denke, in allen Frauen steckt ein bisschen ein Pariserin. Ich glaube, ein Mix aus Koketterie und Tiefe. Das ist eine Konzept, das sehr dem Ausland gefällt, und für das sich in Frankreich kaum einer interessiert. Man spricht mehr von der Pariserin im Ausland als bei uns. Und ich war erstaunt, einen Besteller geschrieben zu haben.
Was ist denn eine typische Pariser Schönheitsmerkmal?
Ein offener Mund, der entweder lächeln will oder reden.
Fotos: Knesebeck, catwalkpictures, parisoffice, Scan Madame Figaro
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Kommentare

  • dafo sagt:

    Aha. Danke für den Tip und die Auszüge.
  • Jana Goldberg sagt:

    Zufälle gibt's! Ist gestern erst in meinen Amazon-Korb gewandert.

    Ich möchte nicht pauschalisieren, doch für meinen Geschmack ziehen sich Französinen, Italienerinen und New Yorkerinnen immer noch am besten an.

    Vielen Dank für das Interview!


  • Barbara Markert sagt:

    @ Dafo: Um das auch für alle klar zu stellen. Das Interview steht NICHT im Buch. Das ist kein Auszug, sondern ein Exklusivinteview. Im Buch steht anderes. Fragt Jana 😉
  • Jana Goldberg sagt:

    Nein, fragt noch nicht. Das Buch ist noch nicht da 😉
  • dafo sagt:

    PO: Sorry, wie unaufmerksam von mir!!!! War eigentlich klar.
  • Anja sagt:

    Gutes Buch. Ich habe es in Englisch bereits gelesen und auch einige Tips und

    Ratschläge verwirklicht (Handtasche "Billy" und Körperlotion "Lait Frais").

    Mich reut keiner der Käufe!


  • modejournalistin sagt:

    Vielen Dank! Das hätte ich gern auch in gedruckter Form.
  • Natalya sagt:

    Haha, die Billy habe ich schon seit drei Jahren:) in Petrol:)
  • Barbara Markert sagt:

    Wenn ich mal schlaumeiern darf, in der französischen Version gibt es gar keinen Sac Billy. Wo stammt denn der Tipp her? Hier werden 5 Modelle empfohlen, ein Korb, eine Besace (so eine labberige Umhängetasche), eine Hernes, eine Pochette und die fünfte ist mir nun entfallen.