Urteil über Galliano, Castelbajac in der Klemme

Gestern war ein Tag, wo jenseits von New York, der Fashionweek und der Fashion's Night out einiges passierte. John Galliano wurde verurteilt, aber traf auf milde Richter. 6000 Euro auf Bewährung muss der Stardesigner zahlen, bzw. nicht zahlen. Die werden erst fällig, wenn er wieder ausfällig wird. Die Opfer seiner Pöppeleien bekommen einen Euro als Geste des guten Willens und die Prozesskosten von Höhe von 11000 Euro muss er wirklich blechen. Die "betrunkene Galliano-Hülle", wie er es nannte, kam also sehr glimpflich davon. Für ihn sprach, dass er vorher niemals straffällig geworden war und dass er sich in allen Formen entschuldigte.
John Galliano kam selbst nicht zur Urteilsverkündung. Er scheute den Presseauflauf. Deswegen habe ich aus seiner letzten Sommerkollektion des eigenen Labels ein unscharfes Bild gewählt. Wie es ihm derzeit geht, bleibt im Dunklen. Klar ist, er zahlt hart für seine Fehltritte. Er hat sein eigenes Label verloren und sein Ruf ist dahin. Er hat nicht das Glück von Coco Chanel, deren Antisemitismus immer klarer wird, zu spät und gar nicht verurteilt werden zu können. Man sieht auch eher über die völlig nüchtern geäußerten Fehltritte eines depressiven Filmemachers wie Lars von Trier hinweg als über die eines sowieso schon polarisierenden Designers. Mal davon abgesehen, dass dieser ganze Skandal völlig daneben ist und Galliano ganz großen Mist gebaut hat, würde ich mir allerdings wünschen, dass im Urteil solcher antisemitischer Fehltritte mehr Gerechtigkeit in der allgemeinen Meinung herrschen würde. Warum verdammen wir den einen und die anderen nicht?
Kommen wir zum nächsten Sorgenkind: Jean-Charles de Castelbajac. Dem rennen die Investoren davon und es schaut immer düsterer aus für das Fortbestehen der Marke. Nur noch ein Koreaner sei interessiert, alle anderen potentiellen Retter sind abgesprungen. Die Entscheidung zur Insolvenz wurde nun neu auf den 14. September fest gesetzt. Vielleicht findet sich noch einer. Ansonsten könnte man fast schon denken, dass Castelbajacs Auftritt mit dem Totenkopf-Kleid am Ende seiner Wintershow die Geschehnisse kassandrisch vorweg nahm.
Fotos: parisoffice / Modepilot
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Kommentare

  • Jana Goldberg sagt:

    Lest Euch doch die Kommentare zum Urteil auf Welt.de durch. Unglaublich! Und das sind keine Bild-Leser!

    Da wird gleich relativiert und verglichen. Ich bin als Jüdin so oft mit Antisemitismus konfrontiert worden, dass ich sagen kann, es gibt ihn, obgleich latent, und es ist zum Kotzen. Tja, es stimmt doch, man wird uns Juden den Holocaust einfach nie vergeben, denn wir sind die lebende Erinnerung an ein Unrecht und niemand hat Lust dazu sich seine Schuld ständig vor Augen halten zu lassen. Das kann ich wiederum rein psychologisch verstehen.


  • ff sagt:

    es stimmt schon, dass Galliano extrem hart bestraft wird. Er hat sich ja auch wirklich entschuldigt und bereut es. Ich finde die Öffentlichkeit sollte sich in Vergebung üben.
  • Barbara Markert sagt:

    @Jana, um das hier noch mal klar zu sagen: Ich finde das Urteil zu milde, aber ich würde mir halt auch wünschen, dass man gleich mit gleich verfährt. Ich für meinen Teil sehe mir den Trier-Film nicht an und ich halte es für einen Skandal, dass der einen Löwen gewinnt. Und ich finde auch, dass die Diskussion um Coco Chanel etwas heftiger hätten ausfallen können. Da kommt so ein Buch über deren Koop mit den Nazis und dass sie Geld dafür erhalten hat, und alle zucken nur mit den Achseln. Das ist unglaublich.

    Ich finde, Galliano hätte halt wenigstens zu so einer temporären Sozialarbeit in der jüdischen Gemeinde verurteilt werden sollen oder zu einer Strafe, die Hollocaustopfern zugute kommt. Das hätte ich gut gefunden. Aber ich hätte Trier auch dem Löwen aberkannt.


  • Jana Goldberg sagt:

    Bin absolut Deiner Meinung! Eine Strafe muss sinnvoll sein und nicht nur bestrafend sein.

    Wir als Konsumenten können die Schaffenden boykottieren, indem wir ihre Kunst (Filme, Design) nicht kaufen. Im Fall von Chanel: Lagerfeld boykottieren ist unsinnig, aber wenn man sie das nächste Mal so scharfsinnig zitiert, sollte man sich erinnern, was sie sonst noch gesagt und getan hat.

    @ ff: Wie meinen, bitte? Frei nach Kant: So leben, dass einem später nicht allzu viele aufs Grab pinkeln


  • Daisydora sagt:

    Für mich kommt es nicht auf die Höhe der Strafe an, die kann ja nur eine symbolische sein, da das, was er gesagt hatte, weder zurückzunehmen noch gut zu machen ist. Oder hätte man ihn etwa öffentlich durch Franziosen mit jüdischem Glaubensbekenntnis auspeitschen lassen sollen?
    Ich entschuldige seine große Verfehlung absolut nicht, aber John Galliano deshalb für einen echten Antisemit zu halten, ist etwas zu kurz gegriffen, da er de facto keiner ist.
    Für das, was er getan hat, ist er härter als alle Anderen bestraft, gedemütigt, degradiert und sonstwas worden. Das sollte dann irgendwann auch mal reichen. Oder fordern wir die Todesstrafe?
    Sein Fall, hat ähnlich dem von Lars vonn Trier, leider damit zu tun, dass es Leute gibt, die das, was ihnen an den Entscheidungen der politischen Führung des heutigen Israel möglicherweise mißfällt, völlig falsch zum Ausdruck bringen.
    Ja, leider gibt es Antisemitismus und leider gibt es bei uns in Europa und anderswo auch jede Menge Rassismus. Jedes Land wähnt sich besser als das Andere und denkt, die richtigere Religion zu haben. Es ist bizarr, dass man im einungzwanzigsten Jahrhundert mehr denn je die Teilung von Staat und Kirsche fordern muss.
    Wir könnten dort, wo der Rassismus unnötigerweise auch noch religiös begründet ist, damit beginnen, mit gutem Beispiel voran zu gehen, und nicht bei jeder überflüssigen Gelegenheit auf das Religionsbekenntnis hinweisen.
    Und ich gebe dir, liebe Jana Goldberg nicht recht. Finde es etwas befremdend, wenn du hier so polarisierend schreibst, man wird uns Juden den Holocaust nie verzeihen. Umsomehr, als ich davon ausgehe, dass du jung und Deutsch bist.
    Deine Religion ist deine Privatsache, die kann dich niemals zu einem beseren oder schlechteren Mensch machen, der du nicht auch als Atheist wärst.
    Sorry, Galliano ist kein Rassist und kein Antisemit, der ist ein armes Schwein.
  • Jana Goldberg sagt:

    @Daisydora: Bin 30, Neu-Deutsch und jüdisch! Ich verstehe Deinen Standpunkt. Nur bist Du wahrscheinlich noch nie mit solchen Äußerungen konfrontiert worden - ich schon. Spreche Galliano sein Talent deswegen nicht ab, aber genau das ist moderner Antisemitismus.

    Sollte jetzt aber auch gut sein.

    LG