Lese-Tipp: Nie wieder Catwalk

Meine Lieblings-Modekolumnistin Wäis Kiani verabschiedet sich in der März-Ausgabe 2011 von How to spend it/Financial Times Deutschland von der Mode. Das gelingt der spitzzüngigen Autorin treffend und unterhaltsam. Und mein Abschiedsschmerz hält sich in Grenzen: Denn Wäis, das durfte ich eben wieder erleben, wird die Mode auch in Zukunft "abwatschen", wie sie sagt.
"Ich habe Spaß an der Mode und, um mir den Spaß nicht restlos nehmen zu lassen, schreibe ich keine Modekolumnen mehr," sagte sie eben am Telefon. Ihre Print-Kolumnen werden sich künftig ums Auto drehen. Ihre "zweite große Leidenschaft" erwähnt Kiani im letzten Absatz ihrer Mode-Abschiedskolumne, worauf sich Autohersteller Lancia gleich bei ihr meldete. Modethemen bespricht sie weiterhin und regelmäßig auf http://www.waeiskiani.com/blog/, wobei hier ihre Leser zu Wort kommen sollen. Irgendwann sei es nicht mehr passend, über die eigenen Pumps zu schreiben. "Das klingt verbittert," findet Kiani. Keiner möchte wie Anna dello Russo enden.
Natürlich wird Kiani wieder zu den Schauen nach Paris und Mailand fahren und beobachten, dass die Fashionweek "zu nichts anderem verkümmert ist als zu einer verlogenen und vollkommen sinnentleerten Messe von Gauklern und Feuerschluckern." Den News-Wert neuer Trends vergleicht Kiani in ihrer HTSI-Kolumne mit dem der immer wiederkehrenden Frühjahrdiäten ("Seventies! Colour-Blocking! Afrika!! Power-Dressing!!!"). Die angeblich so neue Mode hebt sich nicht ab. Kiani kann anhand alter Kinder-Fotos noch das Geburtsjahr ermitteln: "Hatte Ihre Tante bei Ihrer Taufe eine Lady-Diana-Föhnfrisur und einen gigantischen weißen Spitzenkragen über dem Raglanpulli? Sie sind heute knapp 30 Jahre alt." Seit zehn Jahren ginge das aber nicht mehr. Alles gleich.
"Niemand, den ich kenne, trägt noch irgendwelche Trends – einige anorektische Milliardärsgattinnen ausgenommen." Behält Kiani mit ihrer provozierenden Art Recht? Setzt sich Neues bei der Masse wirklich nicht mehr durch? Greifen alle nur noch Altbewährtes auf: da ein bisschen Schlag an der Hose und dort ein Ansatz von Schulterpolster?
Foto: modepilot/modejournalistin
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Kommentare

  • Tessa sagt:

    Stimmt leider.
  • malte sagt:

    Und vor dem Krieg war eh alles besser, nicht wahr?
    Gewäsch. Nix Anderes.
  • Lena sagt:

    Mode ist nicht einfach nur hier ein Schnitt, da ein Schnitt. Oder wie was damals und jetzt aussieht. Es geht (auch) darum, wer diese Sachen trägt, wie und wie kombiniert und aus welchen Stoffen sie sind.

    So geht ihre Rechnung dementsprechend leider auch nicht wirklich auf.


    Finde ich.
  • Barbara Markert sagt:

    Lena, meine Rede!! Siehe Post.
  • Streetstyle: Eleganz, Color Blocking und Easy-Coolness à la 2011 > -Mode- > Modepilot sagt:

    [...] Modepilot « Lese-Tipp: Nie wieder Catwalk [...]
  • auchmilan sagt:

    etwas überspitzt vielleicht, aber irgendwie hat die autorin schon recht.... sie kritisert ja auch nicht mode als solche, sondern den ganzen kommunikationszirkus der darum in den letzten jahrzehnten entstanden ist.
    ist nicht etwa die immer gleiche frage aus dem, nicht modeaffinen, bekanntenkreis "was trägt man denn nächste saison so?", der horror schlechthin, für jede(n) die/der irgendwie in der modebranche arbeitet?
  • san sagt:

    (der link im letzten Kommentar ist eine Selbstverlinkung)
    ich mag ihren Schreibstil etc. aber was sie hier sagt, ist trotzdem Quatsch. Dass sich die Taufpatin wie Lady Di kleidete, hat gar nichts mit Mode zu tun, sondern mit den Geschmacksvorlieben und dem Selbstbild von Tante Martha. Es gab noch nie ein flächendeckendes Modedogma oder eine universale Trenddiktatur und wenn es heute einfacher scheint, Photos aus den 70 und 80er Jahren modisch einzuordnen, dann ist das bloss, weil wir es bereits mit einer Selektion des Bildmaterials zu tun haben und weil wir aus der Distanz die Geschichte in grösseren Abschnitten überblicken und einfacher ordnen können. Aus Frau Kiani spricht der Frust darüber, dass die eigene Zeit einen immer wieder überrascht.
  • Kathrin Bierling sagt:

    Lieber san, da steckt viel Wahres in Deinem Kommentar. Dennoch glaube ich, dass krasse Trends früher breitflächiger und konsequenter umgesetzt wurden (Schlaghose, Petticoat, etc.). Heute fallen mir auf der Straße allenfalls Longchamp-Taschen und Moncler-Jacken auf, die sich durchsetzen konnten.
    Egal, bei Wäis mag ich vor allem die unerschrockene Meinung zu einem Thema.
  • Paul sagt:

    Hi Wo ist denn der like Button? 🙂
  • Was setzt sich 2011 WIRKLICH durch? > -Mode- > Modepilot sagt:

    [...] wir’s am Sonntag davon hatten: Woran erkennt man – modisch gesehen – das Jahr 2011 auf Familienfotos, in [...]
  • Kathrin Bierling sagt:

    @Paul Wo nicht?
  • Mode: Was sich wirklich durchsetzt > -Mode- > Modepilot sagt:

    [...] hatten neulich die Diskussion, woran man das Jahr 2011 modisch gesehen auf Fotos in der Zukunft erkennen könnte. Das ließ mir [...]