Lese-Tipp: Natasha Walter "Living Dolls"

Ich kam eigentlich in einem Fernsehbeitrag des Hessischen Rundfunks auf Natasha Walter, ihr Buch "Living Dolls" und ihre Thesen zum Stand des Feminismus heute (eine Zusammenfassung des Beitrags bzw. Rezension gibt es hier). Der Aufhänger des Beitrags, und deswegen passt das Ganze auch hierher: Wie junge Frauen sich und ihre Rolle sehen - im allgemeinen, und im speziellen in Zusammenhang mit Mode und Modeln. Dafür recherchierte Frau Walter sogar in einer Mannequinschule in Wiesbaden (!).
Denn, so die Britin, laut Umfragen geben 60% der jungen Frauen als Berufswunsch "Model" an (und wenn als Vorbild Heidi Klum gemeint ist, dann meist nicht die Geschäftsfrau - das wäre ja noch ein Ansporn - sondern die ewig strahlende, perfekte Schönheit). Was sagt das denn über den Zustand der Gesellschaft aus? Und wie sollen Frauen jemals in Entscheider-Positionen gelangen, wenn sie sich mit der Rolle einer "Living Doll" von vorne herein zufrieden geben? Diese und andere Fragen zum Thema Sexismus und Pornographisierung der Gesellschaft diskutiert Walter - und betont dabei, dass sie keine vergrätzte Emanze ist. So sieht sie sowieso nicht aus.
Sicher nicht alles neu, was sie ausführt, aber es ergibt eine kompakte Zusammenfassung all dessen, was da so schief läuft. Wasser auf meine Mühlen, denn ich bin immer wieder schockiert, wenn ich sehe, wie sehr klassische Rollenbilder in den Köpfen beider Geschlechter verhaftet sind. Dabei störe ich mich weniger an der Optik (man kann in High Heels und mit Lippenstift extrem viel auf professionelle Art erreichen) - sondern viel mehr an der Einstellung: Mir begegnen immer noch erschreckend viele Frauen, die eigentlich nur auf der Suche nach einem Versorger sind, anstatt die Karriere selbst in die Hand zu nehmen, und die sich so tonlos damit abfinden, in eine Rolle gepresst zu werden. Woran liegt das eigentlich? Ist uns die Energie flöten gegangen? Haben wir keine Lust mehr auf Selbstbehauptung? Oder dachten wir, unsere Mütter hätten das mit der Gleichberechtigung schon geregelt, so dass es jetzt keinen Grund mehr zum Nachdenken darüber gibt?
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Kommentare

  • SO Style 77 sagt:

    Danke für den interessanen Beitrag.

    Ein wahrer Satz aus der hr-Rezension:

    Natasha Walters Buch warnt ernsthaft vor diesen Rollenmodellen, wie sie auch solche Fernsehshows zeigen und die wir gern für unwichtig halten. Denn sie sind entscheidend mit dafür verantwortlich, dass Frauen noch immer nicht die gleichen Chancen bekommen wie Männer.


  • Blackcowboy sagt:

    Das mag stimmen, aber warum will man generell die Frauen verurteilen, die sich in ihrer ich werde versorgt Rolle gefallen? Emazipation und Freiheit zur eigenen Entscheidung kann auch heißen, sie will Hausfrau sein und nix mehr. Jeder so wie es ihr gefällt.

    Zeigt die Haltung: Nur Mode interessiert mich dennoch zweierlei:

    1: Uns geht es gut und wir haben keine großen Probleme, denn hätten wir Hunger oder andere große Probleme, dann wäre Mode so etwas von unwichtig

    2: Politik und soziale Themen sind anscheinend für viele nicht mehr wichtig, sondern es kommt nur auf die Aufmerksamkeit an, die man durch Mode erreichen kann.


  • mirikwidi sagt:

    Es wäre aber auch etwas vereinfachend, alle jungen Frauen in einen Topf zu werfen. Ich kenne einige, bei denen das anders läuft. Die 60 % mit Berufswunsch "Model" halte ich nicht für realistisch (Traue keiner Statistik ...) .
  • Kathrin Bierling sagt:

    Ich halte die 60 Prozent leider für gar nicht so unrealistisch. Zu meiner Zeit gab es zumindest sehr viele, die Model sein wollten. Sie hielten es nur für unrealistisch und haben sich glücklicherweise anderweitig orientiert. Heute bekommen sie vorgegaukelt, dass man es mit ausreichend High-heel-Training auf dem Laufband schaffen könnte 🙂
  • Pille sagt:

    Etwas mehr Optimismus ist schon angebracht: zunächst geben in gewissem Alter sicherlich auch 30% der Jungs an, gerne Feuerwehrmann, Polizist, Cowboy oder Vergleichbares werden zu wollen. Fragt man nun zwölf- bis vierzehnjährige Mädels, ist ein ähnlich realitätsfremdes Bild sicherlich einfach zu erhalten. Aus zugegeben natürlich auch subjektiv eingefärbter und aufgrund meiner Lebensumstände nicht ganz repräsentativen Eindrücken kann ich aber sagen: es ist mitnichten so, dass wir in verklebten Geschlechtsstrukturen vergangener Zeiten verhaftet sind. Ich hatte mehr als eine weibliche Professorin, ich arbeite nun mit weiblichen Forscherkollegen zusammen - und dass, obwohl es sich um Natur- und Ingenieurswissenschaften handelt. Wir haben eine Justizministerin, eine Kanzlerin, eine Bildungsministerin...

    Das Dazudenken eines Frauenbildes bei Männern, welches zum Berufswunsch "Model" passt, finde ich ebenso daneben. Ich jedenfalls will keine Dumpfbacke zur Freundin haben, Hauptsache, sie sieht gut aus - und in meinem Bekanntenkreis (der ist natürlich wieder nicht repräsentativ, ich kenne schließlich keine 3000 Pärchen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten) gibt es auffallend viele Frauen, die erfolgreicher als ihre Männer sind.


    Mit anderen Worten: das Buch ist ungefähr da zu verorten, wo auch Twister, Deep Impact und Armageddon angesiedelt sind. Wirklichkeitsfremde Gruselliteratur zur einfachen Empörung auf Bild-Niveau bestens geeignet.
  • mahret sagt:

    Solche Bücher treiben mich leider zur Verzweiflung. Da kann man machen und tun was man will - soviel Judith Butler lesen und predigen, wie man will und fühlt sich immer wie ein Kämpfer auf verlorenem Posten. Selberdenken ist nach wie vor nicht hoch um Kurs!
    http://fnart.org/2011/03/09/du-willst-es-doch-auch-pop-und-pornografie-bei-germanys-next-topmodel-by-heidi-klum/
  • Reni sagt:

    Guter Post! Ich erinnere, wie ihr euch damals hier über die "Ohne-Models"-Kampagne der Brigitte lustig gemacht habt. Deren Umsetzung finde ich 2 (?) Jahre später zwar nicht gelungen umgesetzt, aber die IDEE dahinter war spitze.
    Solange Frauen (egal ob von anderen Frauen oder von Männern) danach bewertet werden, wie jung und schlank sie sind, wird dies für viele das Hauptziel im Leben bleiben. Attraktivität, so wird medial allenorts vermittelt, ist ein höheres Gut als Intelligenz/Charakter/Kreativität/... Klar, dass dies die Ziele der Mädchen beeinflusst.
    Und es hört doch nie auf. Jede Frau über 35 ist der Meinung, jung auszusehen sei gleichzusetzen mit Attraktivität. Wie oft fällt der Satz "... für ihr Alter sieht Uschi super aus". Oder "...deine 55 Jahre sieht man dir nicht an!".
    WAS wäre so schlimm daran, wenn man einer 55jährigen ihre 55 ansieht? Es ist, als ob nur Jugend und Schönheit miteinander einhergehen könnten.
    Da braucht man sich nicht wundern, wenn X% der Mädchen Models werden wollen und Frauen angesichts ihrer Wechseljahre hektisch die nächste Botoxgabe terminieren, anstatt ihre Stärken zu fokussieren.