Dior ohne John: Gallianos letzter Triumph

War das gestern eine Aufregung!!! Gallianos letze Show für Dior gleichte außerhalb des Musée Rodin einem Staatsempfang mit Sicherheitsstufe Eins. Gleich mal vorab: Ein einsamer Demonstrant hielt ein Schild hoch mit der Aufschrift „The king is gone“ und das war es dann auch.

Keine einzige Anti-Rassismus-Gruppe hatte sich formiert. Dior konnte also über das Ergebnis seines perfekten Krisenmanagement durchaus zufrieden sein. Statt dessen Andrang wie bei der Freibier-Ausgabe, aber weit kamen die meisten nicht.

Also ich bin da ganz cool durchmarschiert. An der Kontrolle habe ich denen erzählt, dass ich von der deutschen jüdischen Gemeinde komme  und mir anschauen wollte, wie nun bei der Show mit diesen antisemtitischen Parolen umgegangen wird. Tja, schon war ich drinnen. Nein, Spaß beiseite. Ich habe mir den Zauberer von Manish Arora ausgeliehen und der hat mich reingezaubert (Artikel dazu kommt noch). Drinnen traf ich dann meine israelische Fotografen-Freundin und fragte nur: „Wie bist DU denn reingekommen?“ Sie nur: „Du, die haben mich angerufen und gebeten, dass ich doch unbedingt kommen soll. Na, da habe ich nicht zweimal überlegt.“ Also ein israelischer Pass war gestern sehr viel wert.

So, drinnen im Zelt im Garten des Musée Rodin: Alles voll, da hat aber auch kein einziger Moderedakteur abgesagt. Wo bleibt deren Ehre? Wir Fotografen wurden von einer Horde Aufpasser an unseren Podium festgehalten. Keiner durfte durch die Reihen gehen und wie sonst, die Front Row knipsen. Der Backstagebereich war zu 100% dicht. Die französische Presse berichtete, dass Textjournalisten, so wie ich, eh nicht willkommen waren. Soll ich nun mal böse sein? So eine Kontrolle der Presse gab es in Deutschland schon mal. Ähm, soll ich mal Galliano fragen, wann das war? Der kennt sich doch damit aus. 🙂

Tja und dann gab es zum ALLERERSTEN MAL in der jungen Modewochen-Geschichte (sprich seit 8 Jahren, seitdem ich hier bin) eine Durchsage, dasss gleich die Show los geht und sich alle bitte hinsetzen sollen. Ich habe gehört, dass das in Berlin gang und gebe ist. Siehste mal, die preussischen Methoden setzen sich doch immer wieder durch 😉 Dann Licht aus, Spot an, nein, dann kam nicht Iljya Richter und Disco!! (Kennt das noch einer von der werten Leserschaft? Das war zu den Zeiten, als ich jung war, ein TV-Must-Date.), sondern Dior-CEO Sidney Toledano. Und der las lange seine gut vorbereitete Rede ab. Hier das Original: Sorry, es beginnt etwas abrupt, weil ich in der Dunkelheit mein i-Phone nicht schnell genug  finden konnte. Ihr müsst auf den Link unter dem Bild klicken!

_Toledano Dior Fashionweek 04.03.11 15_06

Es geht in der Rede um die Werte des Hauses, dass man solche Rassismus-Parolen nicht akzeptieren kann und so weiter. Im Saal war es auf alle Fälle mucksmäuschenstill und ich frage mich, was wohl die ganzen Amis und sonstigen Ausländer wohl gedacht haben, denn Toledano las seinen Text – wie Ihr hören könnt – auf Französisch. Und natürlich nicht so einen Gassenfranzösisch, sondern so eines mit Passé Simple und Konjunktiv etcetera. Also mit Schulfranzösisch kam man aber da nicht weit.  Doch bewegend war das schon. Wie Toledano da so ganz alleine am Ende des Laufstegs stand. Da liefen einem die Schauer über den Rücken.

Dann ging es endlich los. Ganz im Stil und im Sinne Gallianos. Vielleicht mit ein wenig zu normalem Make-Up und auch zu wenig Crazy-Styling, aber das Thema: Dandystil englischer Dichter zur Zeit der Romantik. Also bitte, wer außer John kann auf so ein Thema kommen?!

Doch angeblich war Galliano bereits in den Wochen vor dem Skandal kaum noch im Atelier und das Designteam hat alleine gewurschtelt.

Ach, auf alle Fälle war das schön. Schöne Farben, schöne Kleider, Schuhe sehr aus der letzten Wintersaison, aber tolle Taschen und einfach eine gelungene Show.

Und solche Modelle (unten und oben) sind dann wohl die dezente Hommage an Galliano. Mehr durfte das Designteam wohl nicht äußern bei der sehr strikten allgemeinen Sprachregelung. Aber durchsichtige Lingerie-Abendmode für Dior, die hat nun einmal Galliano erfunden. Das schockierte damals sehr viele Kunden. Doch genau damit gelang es ihm, ab 1996 das damals verstaubte Dior aus der Vergessenheit zu holen.

Tja und dann gab es Applaus und der verfiel in einen Takt und plötzlich erhoben sich sehr viele Zuschauer und klatschten und klatschen und manche schrieen. Wuaaaahhh, dann trat das Designteam heraus in weißen Arbeitskitteln wie bei Margiela und die standen dann da. Zu Standing Ovations. Wow! Davon habe ich kein Bild, denn ich sah gar nichts mehr außer Leute. Und ich hüpfte und hüpfte mit der Kamera, aber die hat das nicht geschafft, aufzunehmen.

Und danach? Eine große Leere und Traurigkeit bei den meisten der Fotografen im Podiumsblock und ich denke auch bei den Einkäufern und Journalisten. Ich musste dann schnell ganz schnell weg, weil ich das Ganze in einem Dreiseiter verarbeiten musste, der nächste Woche in einer wöchentlich erscheinenden deutschen Modezeitschrift erscheint. Daher habe ich keine O-Töne anderer und auch keine Bilder der Polizei, die immer wieder der paralysierten Masse zurief: „Auf den Gehsteig, auf den Gehsteig!“ Doch keine Socke ging auf den Gehsteig. Hat der Bulle nicht begriffen, dass da gerade ein historisches Ereignis der Modegeschichte zu Ende ging und dass man dann nicht auf den Gehsteig laufen kann, sondern nur mitten auf der Straße, denn um diese Ereignisse verarbeiten zu können, braucht man PLatz und Luft? Ja, genau so wars.

Fotos und Aufnahme: Modepilot, Claudia Fessler (1)

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