Zur Roitfeld-Balenciaga-Affaire

Wie Milanoffice diese Woche meldete, wurde die Vogue France Redaktion von der Balenciaga-Show ausgeladen. Den wahren Grund für diese Blacklist wollte weder Madame Roitfeld nennen, noch das Modehaus Balenciaga. Folge: Es kursierten massenhaft Spekulationen. Die meisten fußten auf einen Artikel in der WWD, wo gemutmaßt wurde, dass sich die Vogue in einem Shooting erdreistet hätte, Balenciaga Klamotten mit anderen zu mixen. Mir kam das gleich etwas an den Haaren herbeigezogen vor, aber bitte. Auf alle Fälle bekräftigten das alle anderen Kollegen auf den Schauen (allerdings vor allem diejenigen, die kein Französisch sprechen). Die anderen (die, die französisch sprechen) glaubten dem Politmagazin L’Express, dessen Redaktion wohl wusste, dass man bei Balenciaga nicht so wahnsinnig amused wäre über die Beratertätigkeit von Emmanuelle Alt für die Konkurrenz von Balmain.

Emmanuelle Alt backstage bei Balmain AW2009

Emmanuelle Alt backstage bei Balmain AW2009

So, das war der Stand der Lage bis … ja bis sich Donald Potard zu Wort meldete. Wer? Donald Potard, seines Zeichens Blogger, aber was für einer!! Monsieur Potard, Ex-Chef von Gaultier, ist zusammen mit Jean-Jacques Picart wohl einer der bedeutesten Mode-Unternehmensberater in Frankreich. Die beiden agieren im Hintergrund, sind aber SEHR WICHTIG. Also, was sagte Donald in seinem Blog, der witzigerweise „Uncross your legs“ heißt (Kleiner Hinweis der Modepilot-Redaktion: Uncross your legs schreien die Fotografen, vor allem die Italiener, immer bevor eine Show richtig los geht, damit sie keine abgetragenen, staubigen Schuhspitzen der Zuschauer im Bild haben). Wo war ich stehengeblieben? Ja, also Donald schreibt unter dem Titel „Quand la couture s’offre les services de la presse feminine“ dass er den wahren Grund für Roitfelds Balenciaga-Ausschluss wüsste. Sie oder jemand anderes aus der Redaktion hätten sich bei der Beratung eines dritten Modeunternehmens wohl zu sehr vom Stil Balenciagas inspirieren lassen, für das man eben auch beratend tätig wäre. Darum ginge es. Und ehrlich gesagt, wenn das stimmt, hat Balenciaga durchaus Recht, verschnupft zu sein.

Dass die Modemädels der großen Magazine noch diverse Berater-Nebenjobs haben, dachte ich mir schon. Aber in welchem Rahmen, also finanziell, sich das bewegt, war mir neu. Dank Donald weiß ich nun: Zwischen 10.000 Euro pro Stunde bis zu 50.000 Euro pro Tag bekommt eine Redakteurin, wenn sie ein Modehaus berät und dann eben mit dem Designer zusammen Kreationen erschafft, die später auf den Seiten der Magazine schön abgelichtet werden und sich dann wie geschnitten Brot verkaufen.

Ich wiederhole nochmal: 10.000 Euro, in Worten: zehntausend EURO die S T U N D E !!!!!!!! Also, wer sich da noch über den Satz von Linda Evangelista aufregt („Für weniger als 10.000 Dollar am Tag stehe ich gar nicht erst auf“), der darf jetzt mal den Atem anhalten.

Seit rund 20 Jahren gäbe es solche Kooperationen, ließ der Brancheninsider und sein Kollege Picard in einem Interview mit AFP verlauten.

Donald Potard weiß aber auch noch mehr lustige Anekdoten zu berichten aus der sehr engen Zusammenarbeit zwischen Modeindustrie und Presse. Zum Beispiel, dass eine Redakteurin scheinbar an zwei Modehäuser das gleiche Dekor und den gleichen Fotografen für eine Werbekampagne empfohlen hat. Öhm, wenn das diese Meisel-Werbung auf den Sofa ist, die Milanoffice moniert hatte, dann können wir hier aus dem Cockpit ergänzen, dass es nicht zwei, sondern DREI Modehäuser sind, die auf den Rat der Dame gehört haben. Moment mal: drei mal 10.000, ich hole mal kurz den Taschenrechner  raus – hey, das macht 30.000 Kröten dafür, das jemand sagt: „Duuuuuuu, ich glaub, diesen Winter sind Sofas voll cool!“

Ohhhhh, ich mache was falsch. Also ehrlich, in Anbetracht solcher Methoden finde ich es lächerlich, ja nahezu unverschämt über Blogger herzuziehen, die nett über eine Firma berichten, nur weil sie einen Front Row Platz bekommen. Oder einen Fuchspelz geschenkt bekommen, wie wir nun aus dem FAZ Blogger-Artikel wissen. Danke übrigens für diese Infos, denn ich hatte noch nie einen Front Row Sitz, geschweige denn von D&G einen Fuchspelz geschenkt bekommen.

Ach, man verliert wirklich jeden Glauben an die Aufrichtigkeit der Welt, wenn man solche Dinge liest. Da gelobe ich mir die WWD, die selbst Blumengeschenke zurückschickt, wie Potard weiß, oder Suzy Menkes, die einen solchen Sonderstatus hat, dass sie über alle herziehen kann, ohne ihren Front Row Sitz zu verlieren.

Photo By: Claudia Fessler, parisoffice / Modepilot
19 Kommentare zu
“Zur Roitfeld-Balenciaga-Affaire”
  • Danke für den Artikel! Potards Ergüsse kriege ich mit meinem Laienfranzösisch leider nicht so fliessend übersetzt.

    Tja, was soll man noch dazu sagen? Leider glaube ich, dass da recht viel Wahres drin steckt… Ich wär dann jetzt auch gern Beraterin!

  • die geschichte von dem balenciaga’schen mäntelchen welches mal eben schnell nach mailand flog fand ich bisher am glaubhaftesten. wie dem auch sein, alles oben geschriebene hat einen komischen beigeschmack ist aber trotzdem nicht verwunderlich.

  • ehre, wem ehre gebührt: die liebe modejournalistin hatte vom roitfeld-rausschmiss bei balenciaga berichtet.

  • sehr interessant! danke für den hinweis auf uncross your legs….

    das mit den teuer bezahlten nebenjobs der redakteurinnen ist ja eigenlich keine große neuigkeit per se, aber ich finde es tool zu lesen dass endlich mal jemand gegen „unseriöse“ berater aufbegehrt.

    ich kann mich erinnern als über die berater-tätigkeit und die entsprechenden horrenden honorare von carine roitfeld bei gucci unter tom ford gelästert wurde…. die genauen summen von denen damals geredet wurde weiß ich nicht mehr, aber ich glaube sehr weit entfernt davon liegt herr potard nicht mit seinen angaben.

    eine kleine frage: in dem post schreibt herr potard am ende eine abkürzung, kann mir jemand sagen was „CQFD“ bedeutet ? parisoffice?

  • @ auchmilan. CQFD = ce qu’il fallait démontrer oder wie wir Deutschen sagen Quod erat demonstrandum. Habe ich das richtig geschrieben? Mein Latein-Kurs ist schon ziemlich lange her.

  • frau arp von deutschen vogue bekommt ja auch 30000 euro pelz geschenkt, statt 10000 pro stunde zu bekommen.

    wie sollen die redakteurinnen mit dem brotgehalt designer klamotten leisten? und frau weber verlangt ja dass alle aus mode gut gekleidet sind. man kann nicht immer h&m oder zara tragen.

  • Hallo?! Das ist doch alles nur machbar, weil die Designer sich alles von solchen „Granddamen“ wie o.g. gefallen lassen. Auf der anderen Seite auch
    verständlich, wenn nicht berichtet wird, wird keine Klamotte verkauft!!!
    Letztendlich geht es nur ums Geld!!!!!!! Ist nur die Frage, ob es gleich sooooo viel sein muss???

  • @annette – ja die dello russo, die muss ja fleißig sein, mein lieber schwan. immerhin mietet sie gleich zwei appartements face à face, davon eines nur für klamotten.

    spaghetti schaffen à la longue wenigstens kein platzproblem.

    und: max mara war’s angeblich, oder?

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