Müssen Einkaufszentren wirklich sein?

(MyZeil-Eröffnung / Frankfurt / Februar 2009)
Gewiss lieben wir gigantische Konsumwelten à la Galeries Lafayette in Paris. Wenn es sich jedoch bei den Shoppingparadiesen nicht mehr um Luxusgüter handelt, rümpfen wir unsere Nasen. So beobachtete auch ich mich dabei, als ich in der Textilwirtschaft die Schlagzeile, dass das Elbe-Einkaufszentrum um 10.000 m2 erweitert wurde, vernommen hatte.
Sicherlich sind die Bunker für diejenigen mit Kind und Kegel, als auch für Kunden, die zuhause pflegebedürftige Eltern versorgen müssen, von großem Vorteil. Denn dort die Liste mit den Erledigungen abzuklappern, verspricht stressfreies und effektives Einkaufen!
Dennoch warte ich auf den Tag, an dem einst belebte und mittlerweile herunter gekommene Straßen wieder zum Leben erweckt werden. Das beste Beispiel ist die Kaiserstraße in Frankfurt am Main, die vom Hauptbahnhof zum Zentrum führt und eine der wenigen, die von den Bombenangriffen des Zweiten Weltkrieges verschont blieb. Somit besticht sie weiterhin durch stilvolle Bauten der Gründerzeit. Damals noch fand man gut situierte Geschäfte vor, seit einigen Jahren hingegen ist sie zugedonnert mit Billig-Ramsch, Porno-Kinos, Döner-Buden und 10-Euro-Friseuren. 
Wie kann man einen solchen Zustand retten? Als ich damals nach Frankfurt zog, hatte ich das Gefühl, mein Leben würde absofort den Titel tragen "Der soziale Abstieg des Jérôme B". Schließlich war die Kaiserstraße das Erste, was ich sah und anreisende Touristen noch heute mit der Linse festhalten. Kein Wunder, dass oft gesagt wird, Frankfurt sei asozial, hässlich und schmutzig. Wie soll es denn auch anders sein, wenn sich Junkies und Betrunkene bei Geruch von Fritiertem vor den Toren der Innenstadt präsentieren? Statt das man sich also solchen sanierungsbedürftigen Anlagen widmet, baut man riesige Pilgerstätten für die Produktbedürfnisse des alltäglichen Lebens.
Als das Einkaufszentrum MyZeil gebaut wurde, ließ es vor der Eröffnung durch sein architektonisches Meisterwerk glauben, hier entstünde etwas Einzigartiges. Leider kann man es nur als die gehobene Fortsetzung der Zeil-Galerie auffassen. Auch das ehemalige Thurn-und-Taxis-Palais um die Ecke, das im alten Stil neu aufgebaut wurde, steht immernoch leer. Wenn auch gleich Neues passiert: Am Goetheplatz findet man absofort den ersten Frankfurter Levi's-Store. Die Fressgass beherbergt nun Hugo Boss und Thommy Hilfiger. Gleich um die Ecke von Boss hat Brauneis seine zweite Filiale eröffnet. Man wartet gespannt, wer in die freistehenden Läden auf der Goethestraße und am Opernplatz ziehen wird.
Allerdings wünsche ich mir weiterhin, dass sich Städte in Zukunft weniger auf Einkaufszentren konzentrieren und stattdessen an Konzepten arbeiten, um ehemalige Flaniermeilen mit den Labels der großflächigen Shoppingoasen neu zu beleben. Denn, auch wenn ich nicht über die Erfahrungen von Petra Roth verfüge, so ist es doch alles eine Frage der Organisation und das vor allem mit den besten Voraussetzungen in einer Stadt, die zu den wichtigsten Finanzmetropolen Europas zählt!
Photo: Jérôme/Modepilot
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Kommentare

  • amanda james sagt:

    hey, du hast die bergerstrasse vergessen! die ist zwar, zugegebenermaßen, keine flaniermeile aber dennoch ganz niedlich mit ihren kleinen geschäften.
    und die zeil kann man doch vergessen. da ist doch immer so ein gedränge, daß man am window shopping geschweige den am shoppen an sich keinen spaß mehr hat. vor allem am wochende, wenn alles was laufen kann aus dem speckgürtl nach ffm fährt, um mal "schnell" was zu erledigen 🙁
    aber leider hast du recht was die kaiserstrasse betrifft. wirklich unglaublich schöne gebäude, die zu unrecht verrotten...wenn ich in ffm bin, dann gehe ich da immer sehr, sehr schnell lang.
  • Friederike sagt:

    Die Bergerstraße steuere ich mittlerweile als erstes an, wenn ich mal nach Frankfurt fahre. My Zeil ist zwar architektonisch durchaus beeindruckend, aber ansonsten einfach nur langweilig. Leider ist es mit den restlichen Geschäften auf der Zeil nicht anders.
  • Moyave23 sagt:

    Ich glaube, dass sich, wenn man das Bahnhofsgebäude verlässt, sich einem als erstes die weniger glanzvollen Seiten einer Stadt zeigen, ist nicht nur in Frankfurt so.

    Dennoch ist Frankfurt eindeutig so eine Stadt, die man erst entdecken muss. Aber auch eine Stadt der Extreme, eine sehr kleine Insel schicker Banken in Mitten eines Sees aus hässlichen Vororten.

    Was Einkaufszentren angeht: Kann ich auch einfach nicht verstehen, dass die immer weiter ausgebaut werden. Ich käme viel schneller ins MTZ, aber ich fahre trotzdem immer auf die Zeil, weil ich das MTZ nicht mag. MyZeil ist zwar ansehnlicher als das MTZ, aber wirklich gebraucht hätte man es nicht.


  • mainlandoffice sagt:

    steigt mal in mailand am centrale aus. schön ist auch was anderes.
  • älli sagt:

    Oh Jérôme du sprichst mir aus der Seele.

    Meine Samstage verbringe ich auch nur zwischen dem Opernplatz und dem Parkhaus Goetheplatz . . . weiter unten geht gar nicht! Manchmal verschlägt es mich noch zu Lorey oder Hugendubel . . .

    Aber sobald man auch noch zur Kleinmarkthalle läuft, welche ausnahmslos das beste von Frankfurt zu bieten hat, überlegt man sich 3x wolang es gehen soll ... durch die Gasse bei der Zeil und somit mitten durch den blanken Horror oder aussen rum und dafür ein paar Minuten länger.


    Durch Apple, Thommy, Boss & Brauneis ist die Fressgass noch interessanter geworden - wobei ich mir anstelle von Thommy und Boss andere Läden gewünscht hätte.
    Zum Bahnhofsviertel kann ich Euch nur folgenden Link mit dazugehörigem Buch empfehlen: http://bahnhofsviertel-blog.tumblr.com/ ... "I DANCE FOR MONEY BUT ALSO FOR FUN" ... richtig cooles Buch über das Bahnhofsviertel von der dort ansässigen Werbeagentur Vier für Texas! Die lassen diese gräßliche Ecke in einem ganz anderen Glanz erstrahlen.
  • Jérôme sagt:

    Älli, wie du so hier deine wege beschreibst, müssten wir uns theoretisch schon ganz oft begegnet sein.

    schlimm ist aber auch der: du willst zum p&c ins dritte obergeschoss (herren-exquisit-abteilung), leider befindest du dich aber am ausgang vom hugendubel. vor dir die zeil, das tal der toten. also dreimal überlegen: links vorbei, rechts vorbei oder gerade aus.

    ich entscheide mich immer für die börsenstraße, die nächste kleine fluchtgasse rechts rein, linker hand am lorey richtung brauneis (kurz stehen bleiben, schaufenster betrachten), dann rechts in die kleinlaut&braun-straße, gerade aus bis zur zweiten seitengasse rechts. 50m augen zu und durch, 20 m über die zeil jumpen, nun aber nicht den p&c eingang wählen, sondern den nike-store. die treppen hoch, dann links ins p&c rein (der übergang zwischen den beiden gebäuden) und ab da kann man die rolltreppe benutzen. das schlimmste hat man eeeeeendlich hinter sich!.... puuuuh


    vielen dank für den blog-tip. kannte ich noch gar nicht. aber er sieht klasse aus. man vergisst glatt mal das ekelgebiet rund herum 😉
  • Älli sagt:

    Jérôme ... das ist ja ein toller Blog!!

    Diese Idee mit dem Wunschzettel ist super! Ich bin auch eine Wunsch-Sammlerin . . . dazu eignet sich mein Smeg-Kühlschrank hervorragend - überall kleine Ausschnitte von Magazinen.

    "Das Tal der Tooooten"... das passt perfekt! Ahh was da für Gestallten rumlaufen . unfassbar. (wobei manche ältere Damen auf der Goethe-Str auch furchteinflößend auf mich wirken)


    Ich musste vor Weihnachten zu Hollister > MyZeil - auf Wunsch meiner kl. Cousine . . . über meine detailierte Erfahrung möchte ich hier gar nicht anfangen zu erzählen - ABER ES WAR der pure Wahnsinn!

    Für eine überteuerte Bluse musste ich A) anstehen und B) mir diese Ich-Bin-Model-Und-Nicht-Verkäufer Visagen anschauen....

    Zwei Monate später war ich in den USA und habe ihr für 19$ (statt 89€) die Bluse in einer anderen Farbe und diverses andere, entspannt im 50% off-Sale gekauft.


    Den P&C hatten wir vor kurzem auch aufgesucht - Damen Exquisit - natürlich nicht den direkten Weg, sondern wir du aussenrum.... aber ich war sehr enttäuscht. Totales Chaos, keine Chance auf Umkleidekabinen und Verkäuferinnen die nicht wirklich Lust auf Umsatz hatten....
    Ach wie freu ich mich auf den Frühling und auf eine entspannte Zeit im Café 🙂
  • Mira sagt:

    aber die eigentlich frage ist doch eher: wozu brauch man NOCH ein einkaufzentrum? du hast die vorteile der großfamilien ja nicht zu unrecht betont, aber myzeil ist ja nicht für solche gemacht. außerdem gibt es ja schon hessen-, nord-west-zentrum etc.. ich finde myzeil daher irgendwie sinnlos. vllt ziehen da ja nach einiger zeit andere, interessantere geschäfte ein.. z.b. wenn topshop nach frnakfurt kommt? 😉