Das Überhemd

Auf der Suche nach dem perfekten T-Shirt, Folge 8: Lufthansa

Sobald eine Frau zum ersten Mal ungeplant bei einem Mann übernachtet, stellt sich dem Mann die Frage: Geht da was oder wird diese Beziehung, die sich da gerade anbahnt, eine freundschaftliche bleiben?

Der Frau stellt sich die Frage: ob er wohl ein T-Shirt für mich hat? Und ganz anders als der Mann, der seine ihn brennend interessierende Frage schweigend erträgt, spricht die Frau die ihre aus. Woraufhin unerfahrene Männer sich noch mehr verwirrt zeigen: Was hat das mit dem T-Shirt zu bedeuten? Mindert dieses Nachthemd, das man ihr freundlich überreicht hat, die Chancen auf Kuscheln, Küssen und Koexistenz? Die Antwort lautet: es spielt keine Rolle. Nahezu alle Mädels meiden es, morgens mit ihren Sachen vom Vortag aufzuwachen. Das hinterlässt ein schales Gefühl, ganz gleich, was in der Nacht zuvor passiert ist. Sie möchten außerdem ihren BH, der sie möglicherweise schon den ganzen Tag eingeengt und gepiesackt hat, ausziehen und sich einfach ein bisschen gemütlich fühlen, wie zuhause eben. Und schließlich ist so ein T-Shirt auch schnell wieder ausgezogen, falls das passieren sollte, was sie zuvor noch offen lassen wollte.

Völlig anders liegt der Fall bei jenen Frauen, die zusätzlich um eine  Jogginghose bitten. Das bedeutet dann: rühr mich heute Nacht nicht an und ein Gentleman erkennt den Wink und handelt nicht. Eine Freundin von mir nennt ihre Hose, die sie bei sich zu Hause für solche Fälle bereit hält, „die Panzerhose” und fügt ausdrücklich hinzu, dass der Begriff „Panzerhemd” für ein entsprechendes weißes T-Shirt in ihrem modischen Vokabular fehle. Eine andere Freundin zog sich einst, neben mir liegend, nicht nur T-Shirt, Jogginghose und Wollsocken an, sondern auch noch einen Hoodie, samt Kapuze. So etwas bedeutet dann: Rühr mich bloß nie wieder an! Aber das führt jetzt ein wenig vom Thema weg.

Bei einem weißen Übernachtunghemd ist zu beachten, dass es möglichst lang ausfallen sollte, so dass die Trägerin ungehemmt durch die fremden Zimmer ins Bad gehen kann, ohne gleich ihr Höschen zu zeigen. Es sollte zudem betont weit geschnitten sein, vielleicht weiß sie nicht, ob sie wenig später sexy wirken möchte – oder eben nicht. Und es sollte deshalb natürlich auch keinesfalls transparent sein. Wenn man kein Hiphopster ist, trägt man so ein T-Shirt eher selten, weshalb man das Hemd von Zeit zu Zeit in die Maschine stecken sollte, damit es nicht nach Kleiderschrank müffelt.

Das abgebildete T-Shirt hier stammt übrigens, kein Witz, von der Lufthansa. Die Fluggesellschaft überreicht es treuen Kundinnen, deren Gepäck nicht rechtzeitig angekommen ist, als Teil eines Notfall-Sets. Im Kragen kein Hinweis auf eine Marke, im Tragen nicht mal ansatzweise transparent und mit Größe XL großzügig dimensioniert. In Hinblick auf junge Damen, die ohne Sachen zum Wechseln neben irgendeinem Senator in der Lounge übernachten müssen, verhält sich die Lufthansa also goldrichtig. Das nenne ich ritterliches Relationship-Management. No better way to sleep.

Foto: Christian Gottwalt

Modepilot
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