Modepilot-Exklusiv-Interview mit Audrey Tautou

Gestern gab es schon einen kleinen Vorgeschmack, heute gibt es nun wie angekündigt das Interview in ganzer Länge zum Lesen und Hören.
Wer auf den Link klickt, erhält die ungeschnittene Audio-Datei des Interviews, das Parisoffice zusammen mit anderen Journalisten geführt hat. Sozusagen Audrey unplugged.
Und für alle, die kein Französisch können, haben wir hier noch eine leicht gekürzte Version auf Deutsch erarbeitet:
Modepilot: Sie haben sich auf der Leinwand rar gemacht? Wo waren Sie die letzten Jahre?
Audrey Tautou: Ich habe eine kleine Pause gemacht und zwei Jahre lange keinen Film mehr gedreht. Mir hat das sehr gefallen, denn ich bin viel gereist und habe viel Zeit mit meiner Familie und meinen Freunden verbracht. Doch dann kam das Angebot zu Coco und das hat mich gepackt. Zur großen Freude meines Vaters, der sich schon ernsthafte Sorgen um mich gemacht hat.
Als Coco Chanel spielen Sie nun eine echte Ikone. Hat Sie das eingeschüchtert?
Es war nicht ihr Status als Ikone, der mir Angst machte. Sondern der Fakt, dass obwohl Chanel eine sehr bekannte Frau ist, man kaum etwas weiß über den frühen Abschnitt ihres Lebens, um den es sich in diesem Film dreht. Es gibt nur Vermutungen. Dass es so wenig Material über ihre Jugendjahre gibt, gab mir sehr viel, vielleicht zu viel Spielraum.
Wie haben Sie sich auf den Film vorbereitet?
Ich habe viele Archiv-Filme gesehen, aber da ist sie schon sehr alt. Mir ging es auch eher darum, herauszufinden, wie ihre Jugend sie beeinflusst hatte. Zu sehen, was Konstanten in ihrem Leben sind und was ist in Jahren dazu kam. Was mich an der Rolle fasziniert, ist ihre Temperament, das Verstecken ihrer Schwächen und ihr Freiheitsdrang.
Gibt es Charakterzüge, die sie an Chanel sehr schätzen und die Sie in irgendeiner Form auch gerne hätten?
Ich wäre nicht gerne wie Coco Chanel. Ich beneide sie zwar um ihr kreatives Auge, weil sie ein unglaubliches Talent hatte, aber sie war dennoch eine sehr harte Frau – unausstehlich, stolz, autoritär, vor allem in den späteren Jahren. Diese Personalität ist auf Dauer auch als Schauspieler schwer zu ertragen. Zwei Wochen vor dem Dreh-Ende hatte ich fast Lust, alles hinzuschmeißen. Es ging nur noch darum, hart zu sein. Das lastete schon schwer auf meinen Schultern.
Was war an Chanel so besonders, dass ein reicher Adeliger wie Balsan das arme Waisenmädchen bei sich aufnimmt?
Ich denke, sie war sehr verführerisch. Alle Bücher, die ich gelesen habe, bestätigen das. Als sie noch in Moulin war, hatte sie zahlreiche Bewunderer.
Ja, aber keine adeligen Bewunderer mit Schloss und Pferdezucht.
Das stimmt. Aber sie war eben gerissen. Immerhin war sie nicht eingeladen, hat sich frech präsentiert und blieb, obwohl Balsan klar erklärte: ‚Du bleibst nur zwei oder drei Tage.’ Ich denke, Balsan hat sie akzeptiert, weil sie charmant und lustig war. Er konnte nicht ahnen, dass eine einfache Sängerin vom Land zehnmal brillianter sein würde als alle seine anderen Gäste zusammen. Sie hatte eben eine Persönlichkeit, war sehr intelligent und schlau. Das war übrigens die einzige Information, die mir Karl Lagerfeld über sie gab.
Hat Balsan Coco Chanel in ihrer Art zu Denken verändert? Hat er Teil an ihrem wundersamen Aufstieg?
Das glaube ich nicht. Ich denke eher, dass sie die Art des Denkens der Anderen veränderte. Sie hatte keine genauen Zukunftspläne. Sie wusste nur, dass sie aus ihrem Milieu raus wollte. Sie schaffte sich ihren Platz in einer Gesellschaft, die ihr eigentlich völlig verschlossen hätte bleiben sollen. Sie konnte dank ihrer Intelligenz manipulieren. Aber ich denke nicht, dass sie berechnend war.
Was können Frauen von heute von Chanel lernen?
Dass wenn man entschlossen und zielsicher ist, man viele Dinge erreichen kann. Und: Dass es besser ist, keine unterwürfige Frau zu sein. In der Fügsamkeit kann man meiner Meinung nach nicht erblühen.
Nach dem Tod ihrer großen Liebe Boy Capel schmeißt sich Chanel in die Arbeit, ist verbissen ehrgeizig. Sind sie auch so?
Erstens denke ich, dass – hätte sie Boy Capel geheiratet – vielleicht mit ihm nach England gegangen wäre und niemals das realisiert hätte, was danach kam. Das Schicksal hat ihr Leben gelenkt an diesem Moment. Sie war danach sehr zerbrechlich.
Vielleicht, aber was sind ihre Zukunftsambitionen?
Ich selbst habe nicht die Ambition, jemand Berühmtes zu werden. Aber ich will mich mit 50 Jahren auch nicht auf zehn Quadratmetern wieder finden, wo ich den ganzen Tag auf das Angebot für eine Minirolle in einem armen Fernsehfilm warte. Mein Ehrgeiz ist, in meinem Job Spaß zu haben.
Aber sind Sie nicht schon berühmt? Seit Amélie? Ich denke, es gibt noch immer Leute, die sie Amelie nennen.
Natürlich. Der Erfolg kam damals sehr überraschend und es war ein Schock für mich. Das Medieninteresse war drückend und ich verstand es auch nicht völlig. Aber mit der Zeit haben sich die Sachen auch wieder beruhigt.
Interessieren Sie sich eigentlich für Designer-Mode? Oder kaufen Sie ansonsten bei Zara oder H&M ein?
Klar, war ich schon mal bei H&M. Aber in der Regel ist dort eine vier Meter lange Schlange vor der Umkleide, so dass sich die meisten Kunden zwischen den Klamottenständern umziehen müssen. Und weil sich immer irgendwo ein Depp aufhält mit einem Handy, der mich dann fotografiert, ist H&M leider weniger für mich geeignet. Aber ich kaufe auch keine Luxusmarken und war noch nie auf der Avenue Montaigne zum Shoppen. Ich gebe sehr wenig Geld aus und kaufe grundsätzlich nicht viel ein. Mich interessiert das eher nicht.
Was hat sie dann an der Modeikone Coco Chanel so fasziniert?
Ihr Kontrast an Persönlichkeiten. Sie vereint einen Mix aus Emotionen, Gefühle, Qualitäten und Fehler. Chanel ist eine sehr mysteriöse Frau, die überraschte, die man nur schwer verstehen und fassen kann. Sie hat beständig über ihre Jugend gelogen. Warum wollte sie darüber nicht reden? Aber genau das ist auch, was mich an ihr berührt. Das Romanhafte ihrer Persönlichkeit.
Fotos: Coco avant Chanel, Screenshots Warner Bros.
Photo Credit:

Kommentare

  • Nicole sagt:

    Toll, dass ihr den O-Ton veröffentlicht habt - auch wenn ich mit meinen mäßigen Französischkenntnissen sehr genau hinhören musste. Ich habe einen Hinweis auf das Interview auf unserem Blog veröffentlicht 🙂
  • Modepilot startet ein Spezial zum Film Coco Chanel | Styleranking sagt:

    [...] alles nicht.“ Das gesamte Interview mit der bekannten Amélie-Darstellerin findet ihr hier (und mehr zu Audrey Tautou [...]
  • streetrunway sagt:

    Interview mit Audrey Tautou bei Modepilot...

    Bei Modepilot gibt es heute ein exklusives Interview mit der bezaubernden Audrey Tautou zu ihrer Rolle als Coco Chanel. Als besonderes Schmakerl haben die Modepilotinnen das Original Interview als Audio Datei gepostet

    ….Nicole

    ......


  • Mici sagt:

    wow... *alles aufmerksam durchliest*
  • hmm sagt:

    wirkt tragisch, diese coco chanel..

    jetzt gibt es ihr werk. wahrscheinlich zahlte sie einen hohen preis. und es musste alles so kommen, so sein.


  • Kathrin Bierling sagt:

    Sie ging ihren Weg, ob das tragisch ist? Vielleicht. Aber es war ihr Weg und welch' ein Segen, dass sie ihn so erfolgreich begehen konnte. Wie Karl Lagerfeld lag ihr nicht viel an Ruhe und Rast. Sie sagte mal: "Solange ich lebe, werde ich mich jedenfalls nicht zur Ruhe setzen... Ich spüre jetzt schon, wie ich mich im Himmel langweilen werde, schon im Flugzeug ist mir langweiliger als auf dem Boden."

    (damals gab es noch keine iPods!)


  • » Eine Mode-Ikone im Kino: Coco Chanel sagt:

    [...] den wertvollen Tipp gegeben, sich mal auf die Seiten des Fashionblogs Modepilot zu begeben. Hier findet man ein Exklusiv-Interview mit Audrey Toutou, sowohl als Original-Audiodatei und für [...]