Beauty-Talk: Intimrasur

Welche Farbe haben eigentlich meine Schamhaare? Ich wette, viele Frauen wissen das gar nicht mehr. Die Haarentfernung im Intimbereich ist heute so üblich wie die nackte Augenbraue in den Zwanzigerjahren. Frauenmagazine erzählen uns seit Jahren, dass das "Waxing" nur beim ersten Man weh tut (so heftig jedoch, dass man kein zweites Mal riskieren möchte!).
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Für die Nassrasur gibt es unzählige Tipps: Mit dem Strich rasieren, damit keine roten Punkte entstehen. Rasierschaum und regelmäßig ein "Peeling" verwenden, damit die Haare nicht einwachsen (Die Kosmetikindustrie freut sich). 
Nur leider entsteht durch diesen Haarentfernungs-Hype ein Schönheitsideal, das die Schwächsten des Beauty-Universums in Panik versetzt: Pubertierende leiden Not. 
Die Autoren Josephina Maier und Achim Wüsthof greifen das Thema in ihrem Zeit-Artikel "Schönheit unter Gürtellinie" auf und berichten von 13-Jährigen, die sich mit ersten Schamhaaren nicht einmal mehr ins Schwimmbad trauen. Ein Auszug:
»Ein glatt rasierter Unterleib ist bei Jugendlichen längst Mainstream«, stellt der Sexualpädagoge Sven Vöth von pro familia in Hamburg fest. »Wenn ich in meinen Beratungsgesprächen mit Jungs darüber spreche, dass es auch unrasierte Frauen gibt, sagen die: Igitt, das ist ja ekelhaft.«
Die Zeit: "Schönheit unter der Gürtellinie" vom 9.07.2009, Nr.29
Im Artikel der Zeit steht auch, dass sich heranwachsenden Jungs ebenfalls dem Schönheitsritual unterziehen. Da wird eine Umfrage der Zeitschrift Bravo aufgegriffen, nach der sich 42 Prozent der männlichen Teenager regelmäßig die Schamhaare rasieren.
Schön und gut, dass das männliche Geschlecht den Anspruch auch an sich hat. Nur fragt sich doch, wo ein gepflegtes Äußeres aufhört und ein Schönheitszwang anfängt, wenn einzelne Schamhaare ansprechend sind wie ein eitriger Pickel.
Und es geht weiter: Für die erwachsene Frau beginnt mit der enthaarten Scham heute erst richtig der Stress: Da werden asymmetrische oder übergroße Schamlippen chirurgisch korrigiert. "Die Münchner Privatpraxis Sensualmedics", so steht im Zeit-Artikel, "führt nach eigenen Angaben derzeit jährlich bereits 600 »intimchirurgische« Eingriffe durch und berichtet von Zuwachsraten von 30 Prozent pro Jahr. Am häufigsten steht in München die Schamlippenverkleinerung auf dem Programm (zwischen 1700 und 3000 Euro)." Dabei könne es übrigens zu "chronischen Schmerzen" und "sexuellen Funktionsstörungen" kommen!
Wer glaubt, jetzt fehle bei diesem Wahn nur noch das Anal-Bleaching, muss Recht behalten. Auch, das verlangt jetzt die Münchner Society-Lady bei ihrem Frauenarzt. Das steht nicht im Zeit-Artikel, das durfte ich von den Münchner Society-Ladies und einem Münchner Society-Frauenarzt erfahren.
Angesichts dieser Entwicklung wirken Intimfrisuren in Streifen-, Herz- oder Dreiecksform nicht mehr nur albern. Beängstigend.
Muss das sein? Das Lineal für Herz und "Landing Stripe" im Intimbereich. Von Bikinelle.
Fotos: Gillette, Bikinelle
Photo Credit:
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Kommentare

  • mainlandoffice sagt:

    was ist denn los im land? heute war sogar bei bild.de ein artikel dazu...
    also, in italien ist es ganz normal, dass man spätestens im august, also vorm großen urlaub, untenrum und überhaupt mal alles waxen lässt. und ich finde das gut. ich will das gestrüpp auch nicht sehen.
    laut einer freundin, die regelmäßig (in frankfurt) brazilian waxing machen lässt, fühlt man sich danach wie ein neuer mensch.
    und den trend zur schamlippenkorrektur hat mir eine befreundete schönheitschirurgin aus dem taunus (da wo das reiche frankfurt wohnt) auch bestätigt.
  • Kathrin Bierling sagt:

    Milanoffice, das ist wie mit den ersten 500-Euro-Designerpumps: Es bleibt nicht bei der Ich-tue-mir-mal-was-Gutes-Ausnahme. Es wird zur Selbstverständlichkeit. Und Du bist die teuflische Verführerin!
  • Fräulein Schlau-Schlau sagt:

    wie passend, gestern hatte ich darüber noch eine diskussion mit meinen arbeitskolleginnen ^^

    meiner meinung nach sollte es frau wie mann auf keinen fall wild wuchern lassen. wie sie/ er das "gestrüpp" in den griff kriegt, ist geschmackssache... aber ich finde es erschreckend, wenn sich teenies schon solche gedanken darüber machen.


  • Juliane sagt:

    Mal ernsthaft: Zwischen rasierter Scham und operativem Rumgeschnipsel an besagter Stelle liegen ja schon noch Welten. Trotz der Tatsache, dass ich da unten schon lange kein Härchen mehr akzeptiere, kam mir noch nie der Gedanke an den Gang zum Chirurgen.
  • H-C sagt:

    Juhu, endlich hat das Land das Sommerloch-Thema gefunden!

    Und ich kann beim besten Willen keine ekelhaft obszöne Anspielung in dem ersten Satz finden.


  • fascinata sagt:

    nun ja, was soll man dazu sagen: durch die rasur werden eben "schönheitsmakel" sichtbar, derer man vorher nicht bewusst war, weil man sie einfach nicht gesehen hat. zusätzlich kommt das im teenie-alter leider leicht zugängliche porno-material im internet, an dem sicher einige "standards" geformt werden. logische folgerung wie bei allen anderen nicht-supermodel-konformen-körpermerkmalen: der gang zum chirurgen. so einfach ist die rechnung und so traurig bin ich über den allgemeinen wunsch nach konformität.
  • Nicole sagt:

    Ich, gerade frisch aus dem Urlaub zurück, würde mir wünschen, dass einige Frauen mehr zum Rasierer greifen und zumindest die Haare entfernen, die es nicht unters Bikinihöschen schaffen. Was sonst noch weg soll, ist geschmackssache, wie ich finde. Eigenartig finde ich in dem Zeitungsartikel, dass die 13-jährigen zwar wissen, dass Schamhaare vermeintlich out sind, aber nicht wissen, wie sie sich derer entledigen sollen, sondern stattdessen dem Schwimbad fern bleiben. Kaum zu glauben.
  • mainlandoffice sagt:

    gebe nicole recht - und bin auch verwundert, dass die nicht wissen, wie sie es weg machen sollen. dass teenager sich darüber gedanken machen, finde ich an sich normal - das gehört wohl zum pubertieren dazu. (dass durch medien etc. mitunter ein unnatürlich-retouchiertes menschenbild geprägt wird, ist zwar schade - aber gab es schon immer, zumindest seit der mensch bilder "machen" kann)
    ich würde den teenies zu mehr sport raten, dann bekommen sie direkt mit, wie und wo man man stutzen könnte - denn als ich in dem alter ballett gemacht habe, wurde direkt zu beginn eingetrichtert, haare an achseln und im sichtbaren schambereich zu entfernen. ähnliches gilt bei schwimmern, leichtathleten etc.
    das gilt für frauen. haare beim mann sind wieder ein anderes thema.
  • Susi sagt:

    Hilfe, ich fühle mich langsam pervers, denn ich gehöre zur intimmodischen Minderheit und will dennoch an den Strand ... ;-)))))))
    Im Ernst: Es erschüttert mich zutiefst, dass erwachsene Frauen heute aussehen wollen, wie vor der Pubertät. Das finde ich richtig gruselig. Und die Auswirkung auf Teenies von heute finde ich auch ... sehr bedenklich.
  • mainlandoffice sagt:

    alles weg finde ich auch nicht so toll. aber die kopfhaare lässt man sich ja auch hin und wieder in form bringen. darum geht's ja schließlich - die natur ein bisschen zügeln.

    in einigen anderen kulturen ist das was völlig normales und gehört zur körperpflege ganz selbstverständlich dazu.


  • Jen sagt:

    Unten rum auszusehen wie ein Kleinkind…wer das sexy findet, oh je.

    Ich kann dem gar nichts abgewinnen und ehrlich gesagt denke ich jedes Mal: get a life! Wenn die Frisur unten rum (die nun wirklich nicht dauernd im Scheinwerferlicht steht) so wichtig wird, frage ich mich, was sonst noch schief läuft. Jedem das Seine, sicher, aber ich sehe in dem haarlosen Wahn eine merkwürdige Entwicklung – man entfremdet sich von der Natürlichkeit seines Körpers. Haare sind da, weil sie Sinn machen. Hat sich die Natur nicht nur so überlegt. Zurechtstutzen ist eine Sache, aber ganz weg? Als nächstes waxen wir uns dann die Arme, nee, am Besten gleich alles lasern lassen, damit es bloß nie wieder kommt! Oh well.


  • auchmilan sagt:

    @jen: sich die arme zu wachsen ist hier in italien ganz und gar nicht unüblich, frauenarme sehen auch besser aus ohne pelz (besonders bei dunklem haar)
    nacktschneckenlook untenrum finde ich allerdings auch igittigiit und bei männern geht das schonmal gar nicht...