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Kritische Gedanken zur Streetstyle-Fotografie in Paris

. 5. Oktober 2012

Seit fast 10 Jahren mache ich nun Streetstyles auf der Fashionweek in Paris, aber dieses Jahr hatte ich den Eindruck, dass dieses Genre gerade dabei ist jegliches Maß zu sprengen, das man noch als erträglich bezeichnen kann. Zu den normalen Fotografen gesellen sich jedes Jahr neue, die meinen, als einzige das Anrecht auf einen Shoot zu haben und anfangen zu stänkern und andere Altgediente anzurempeln. Vor rund 2 Jahren kamen Schülerinnen und Studentinnen hinzu, die mit kleinen Kameras und i-Phones shooten, und wo mir nicht klar ist, wo diese Bilder dann veröffentlicht werden. Heute stehen da selbst ältere Frauen und Männer rum und knipsen. Was bitte will eine Hausfrau mit einem Streetstyle-Pic von  - sagen wir mal – Anna Dello Russo?

Längst ist das Streetstyle-Foto nicht mehr nur den Blogs vorbehalten. Jedes Magazin hat heute seine Streetstyle-Seite und zur Fashionweek fing selbst die ehrwürdige WWD damit an.

Die Gäste einer Fashionshow müssen sich inzwischen den Weg bahnen zum Eingang. Noch besser für die Fotografen ist es, wenn wie bei Nina Ricci ein Teppich auf dem Sandboden der Tuileries ausliegt, damit sich die Damen die High Heels nicht dreckig machen und die Fotografen den Rand säumen können.

Um sich nun von der Masse abzuhaben, ziehen manche den Streetstyle als echtes Shooting auf  - mit entsprechend professionellem Material:

Die Elle France hatte sogar ein kleines Outdoor-Studio aufgebaut:

Ein besonders beliebtes Objekt der Streetstyle-Fotografen sind Models, vor oder nach der Show.

Und die jungen Frauen wissen, das sie besser mal nicht rumzicken, denn von Streetstyle-Fotografen geknipst zu werden, kann sich  durchaus für die Karriere auszahlen.

Womit ich beim zweiten Thema bin. Wie werde ich berühmt durch Streetstyle-Pics? Sind wir doch mal ehrlich: Eine Anna Dello Russo, Elisa Nalin, Miroslava Duma, Hanneli Mustaparta, Julia Sarr Jamois, Caroline Issa, Giovanna Battaglia wurden nur bekannt durch die Bilder der Streetstyle-Fotografen.

Sie alle sind hübsch, dünn, strahlend und immer bestens angezogen – dank der großzügigen Geschenke der großen Modefirmen, die längst kapiert haben, dass sie damit genauso Werbung machen können wie mit einer Anzeige.

Anna Dello Russo mit Tommy Ton (Jak and Jil)

Längst sind diese Damen mit dem wichtigen Streetstyle-Fotografen (Tommy Ton, Scott Schuman, Garance Doré) ein enges Verhältnis eingegangen.

Anna dello Russo und Scott Schuman (Sartorialist)

Es ist eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Der Fotograf bekommt schöne Pics, die sich gut verkaufen lassen, und die Redakteurinnen werden durch die Bilder berühmt. Es ist ja nun nicht so, dass diese Damen alle Chefredakteurinnnen der Vogue wären. Da haben manche zwar ordentliche, aber sicherlich nicht die wichtigsten Posten in der Moderedaktion. Und manche arbeiten bei Magazinen, die mehr cool sind als eine hohe Auflage haben. Nehmen wir mal das Beispiel des Wonderland Magazins, wo Julia Sarr Jamois arbeitet. Chefin ist auch sie nicht.

Weil ein Shoot für die Karriere nützlich sein kann, werden natürlich Sonderwünsche für die Fotografen gerne erfüllt.

Das Video zeigt Anna Dello Russo, wie sie bereits zum zweiten Mal (mit Miroslava Duma) die gleiche Strecke läuft. Einmal war sie den Weg schon gegangen, aber weil noch Zeit war, geht man die gleiche Strecke eben noch mal. Wer dann von den Fotografen noch nicht sein Pic hat, der bekommt es jetzt. Denn: Je mehr Bilder, je mehr Bekanntheit, je mehr Ruhm. Dieser kann sich auszahlen: Man designed eine Schmuckkollektion für H&M oder wird Rolemodel für eine Werbung von J Crew.

Auch Virginie Mouzat, noch Le Figaro, bald Vanity Fair France, konnte zu diesen lukrativen Angeboten nicht Nein sagen. Auch sie machte bei J Crew mit. War sie früher kaum bereit, mal eine Sekunde für die Fotografen stehen zu bleiben, hält sie nun besser still. Sehr verwunderlich.

 

Neuankömmlinge, die noch nicht so bekannt sind, wissen sich diese “publicity” zunutze zu machen. Die mir vor dieser Fashionweek noch nie aufgefallenen Erica Pelosini, deren Namen ich dank der Hinweise des Streetstyle-Bloggers Mario Villanueva nun kenne (nochmals Danke!), beherrscht das Spiel perfekt, wie man an diesem Video sieht. Leider kam ich zu spät, denn aufgefallen ist sie mir nur, weil sie vorher ihre Haare mindestens 10 mal hin und her geschmissen hatte.

Kommen wir nun zu denen, die medial wirklich etwas bewegen. Die Chefredakteurinnen. Die sind schon älter und vor allem weniger auffällig. Nehmen wir Suzy Menkes, eine der mächtigsten Frauen dieses Apparates. Die flitzt von einer Schau zur nächsten und arbeitet.

Oder hier: Die immer diskreten Sozzani-Schwestern.

Hier haben wir Frau Arp von der Deutschen Vogue, die nur auffällt, weil sie immer kerzengerade und mit Pokerface die Schauen verfolgt. Ich bin mir sicher, dass sie von den großen Streetstyle-Fotografen bis dato kaum abgelichtet wurde.

Anna Wintour verlässt vorzeitig und alleine die Shows, um nicht erkannt und geknipst zu werden. Sie ist aber dank des Prada-Teufel-Buches auch einer der wenigen Vogue-Chefinnen, die überhaupt von dern Streetstylern verfolgt werden.

Selbst die immer gerne für Pics  zur Verfügung stehende Carine Roitfeld ist ruhiger geworden, seitdem sie nicht mehr die Chefin der Vogue France ist und ihr eigenes Magazin hat. Ihr Stil ist gekonnt, aber niemals auffällig.

Oder nehmen wir die Modejournalisten aus dem zweiten Rang, die Ressortleiter – also die Schreiberlinge, die so unauffällig sind, dass sich kein einziger Fotograf für sie interessiert. Hier sehen wir zum Beispiel die Vertreter der beiden größten deutschen Tageszeitungen: FAZ und SZ.

Und welche Rolle nehmen wir in diesem Spiel ein? Wir Modepilot, die sich hier nun erdreisten, das ganze System kritisch zu sehen und dennoch von allen die Pics haben?

Nun, ich stehe da schon so lange. Viele meiner Chefredakteurinnen, die mich kennen und für die ich die Artikel schreibe, sahen mich und schauten geflissentlich zur Seite. Angesehen war man damals als Streetstyle-Fotograf nicht. Und heute ist man es wohl nicht mehr. Ich mache das eigentlich auch nur noch aus Spaß an Freude. Ich sehe Bekannte. Die beiden waren damals auch schon da:

Und ich renne auch nicht hektisch von einem zum nächsten. Promis knipse ich nur, wenn sie mir vor die Linse kommen. In einen Pulk schmeiße ich mich schon lange nicht mehr. Tatsächlich merken das aber auch alle, die auf der Flucht vor den Streetstylern sind. Promis und die Roitfelds laufen eigentlich immer direkt auf mich zu, weil ich da unbeweglich auf einem Platz stehe und ab und an die Kamera hebe. Mir geht es nicht um das perfekte Bild, sondern um die Situationen. Was passiert da auf den Schauen? Und wie kann das bildlich den Lesern vermitteln. Ich bin und bleibe Journalist.

Aber klar, ich sehne mich nach früheren Zeiten.  So sah damals die Situation aus: Einer knipst eine. Und das ganz in Ruhe. Schön war’s.

Fotos: parisoffice / Modepilot


 

Kommentare

  1. Toller Text, wunderbare Einblicke und nüchterne Analyse. Der Journalismus hat schon seine Vorzüge inmitten all der Schönschreiberei. Und zur Fusion von Scott Schumann und Garance Doré ließe sich bestimmt noch mehr sagen.

  2. ich habe diesen rummel dieses Jahr zum ersten mal in london erlebt und war völlig fassungslos. da findet eine show vor der show statt.

  3. wahnsinnig interessant, deine sicht der dinge. Ein toller artikel!
    in meinen augen haben auch eine vielzahl der abgelichteten outfits nichts mehr streetstyles zu tun. das sind teilweise runway looks, die so eins zu eins auf dem laufsteg gezeigt wurden, das hat nichts mit besonderem Stilvermögen und Geschmack zu tun.

  4. Ist schon peinlich dieser ganze Zirkus und mit Schuld daran, daß Leute, die sich für Mode interessieren, häufig nur als oberflächliche Idioten wahrgenommen werden.

  5. Ein wenig Verbitterung höre ich (zu Recht) in Bezug auf
    “Chefredakteurinnen” heraus. Das kenne ich zu genüge, allerdings in einer anderen Branche. Man nennt es Hochmut.

  6. Hmm… ob das nun unbedingt “Hausfrauen” sind, die da ihre Kamera zücken wage ich ja zu bezweifeln. Aber insgesamt vielen Dank für diesen Einblick und deine Sicht der Dinge!
    Und ich muss Anne^^ zustimmen: wenn da einfach nur die aktuellen Looks der Designer präsentiert werden finde ich das auch nicht besonders spannend. Für mich persönlich ist Streetstyle aber auch was anderes und ein interessantes Outfit kann genauso aus H&M Klamotten zusammengestellt werden. Wobei ich schon finde dass einige der genannten “Streetstyler” sowas auch ab und zu zeigen.

  7. Schöne Analyse zur Macht der Bilder und ihrer Mechanismen… Oder wie mein Mentor an der Hochschule immer betonte: Nicht Erkenntnis oder Wahrheit, sondern stete Wiederholung ist die Technik zur Platzierung von Bildern und Meinungen. Daran ist wenig zu ändern und damit muss man leben und umgehen können… Erholsames WE..

  8. Großartig! Sehr schön zu lesen und eine gut Sicht auf die Dinge.
    Ich glaub ja der Streetstyle-Drops ist gelutscht – zu viele Outfits ähneln sich oder es geht nur darum aufzufallen.

  9. Toller Artikel – ich fühle mich langsam aber sicher zu Fashion Week Zeiten auch von “Streetstyle”-Bildern zugemüllt und schaue mir daher meist einfach nur die Styel.com Gallery von Tommy Ton an – der hat’s halt wirklich drauf. Oder Stockholm Streetstyle.
    Dass alle Magazine nun auch auf den Zug aufspringen finde ich ziemlich lächerlich, aber da sich immer mehr in Richtung Online verlagert auch wieder verständlich. Bin gespannt, wie sich das Thema in Zukunft weiterentwickelt, denn nach Paris zum Knipsen fahren/fliegen kann ja prinzipiell wirklich jeder…

  10. Danke schön! Anne hat völlig recht. Ich finde, ein wirklicher Streetstyle zeigt im besten Falle, wie Mode oder Extravaganz für den Alltag passend gemacht wird. Das ist doch das einzig Interessante.

  11. und warum sollte eine ältere “Hausfrau” euren Blog lesen??
    Weil sie vielleicht nicht so borniert ist wie jüngere “Journalistinnen”, geistig flexibel und neugierig ist!!
    Obendrein könnte sie auch noch Humor haben und das ganze Gehabe amüsiert verfolgen.
    Ist die Russo nicht auch schon über fünfzig?

  12. Cooler Artikel! Sehr interessant und zeigt auf, was man in letzter Zeit eh vermutet hat. Der “Streetstyle” Journalismus hat sich ganz schön weit weg vom Ursprung entwickelt. Schade, denn auch ich muss Anne^^ zustimmen und meine Definition von “Streetstyle” trifft das alles überhaupt nicht mehr und interessiert mich auch nicht.

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