Lese-Tipp: genervt von Design

Eine Badewanne in Pumps-Form. Den Süddeutsche-Artikel "O welche Wanne" von Gottfried Knapp schickte mir mein Vater zu – nicht, weil da ein glitzernder High-heel zu sehen ist. Mein Vater ist, wie der Autor, wie ich und mit Sicherheit viele andere auch, von der Designwut mancher Hotels genervt. Ich musste an manchen Stellen sehr lachen:

Badewanne von Sicis

Ein Auszug: "Natürlich hat der Designer aus der näheren Umgebung alles geflissentlich verbannt, was sein ästhetisches Konzept stören könnte: vor allem also so hässliche Dinge wie Ablageflächen für Waschzeug oder gar Haken, an denen man etwas aufhängen könnte. Zum Ersatz lässt er vielleicht die Handtücher auf einem Holzbrettchen am Boden artig zu einer Pyramide übereinanderstapeln."

Manchmal hat man wirklich das Gefühl, der Hotelier sei auf jemanden reingefallen, der sich "Interieur Designer" nennt. Wie oft stand ich in einem Hotel-Badezimmer und wusste nicht, wohin mit meinem Kosmetikbeutel. Handtücher muss man in diesen Wanne-be-"könnte auch in NYC stehen"-Hotels entweder über die Duschkabinentür oder an eine an die Wand gelehnte Holzleiter hängen, die nach vorne kippt, wenn man das Handtuch wieder benutzen möchte. Nichts gegen Purismus, aber eine Einrichtung muss dem Gast anders entgegen kommen, durchdacht und erprobt sein. Dann erst kommt die Kür. Und damit sind keine witzig gemeinten Spielereien gemeint.

Autor Knapp erwähnt an die Decke gebeamte Leuchtbilder in einem von Jean Nouvel "durchmodellierten" Hotel in Luzern: "... Auch darf man sich fragen, warum ausgerechnet Filmbilder von den Nervensägen Almodovar und Greenaway, also von Regissueren, die sich erschießen würden, wenn jemand in ihren Filmen einschläft, Hotelgäste in den Schlaf wiegen sollen." Gottfried Knapp, Redakteur für Architektur bei der Süddeutschen Zeitung, hat viel gesehen: fragwürdige Pissoirs und eine Arbeitsplatte, die als Türöffner eines Kleiderschranks dient (oder eben nicht). Besonders mochte ich seine Beobachtung gängiger Designqualen wie die strapazierende Kissenflut auf Betten oder seine Beschreibung für moderne Duschköpfe: "durchlöcherte Röhrchen".

Foto: modepilot/modejournalistin, Süddeutsche Zeitung vom Wochende 12./13. Juni 2010

Modepilot
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