Das Überhemd

Auf der Suche nach dem perfekten T-Shirt, Folge 6: Louis Vuitton

Diese Luxusmarken, die haben es schon drauf. Hermés, der Götterbote, steht mit einer Sendung von Louis Vuitton in der Tür und fragt: „Modepilot?” – „Aber ja! Ich fliege!”

Das möchte man rufen und gleich von seinem Stuhl aufspringen, doch dann gibt man sich möglichst beiläufig und desinteressiert, beinahe so, als stünde nicht Louis Vuitton bei einem im Laden, sondern man selbst im Laden von Louis Vouitton, und so sagt man, den Blick auf den Bildschirm geheftet: „Ach, stellen Sie das doch dort auf den Beistelltisch.” Sobald der Bote draußen ist, wartet man noch eine Anstandssekunde, dann reißt man gleichzeitig die LV-Tüte auf sowie sich selbst das Oberhemd vom Leib. Ist das aufregend! Mein erstes Luxus-T-Shirt! Von Loius Vuitton! Und ich bin der Erste, der es tragen darf! (Okay, bei näherem Hinsehen entdeckt man, dass im Kragen bereits ein anderer Herr Spuren seines Make-ups hinterlassen hat, doch den Fleck blendet man gleich wieder aus, damit er die Illusion nicht störe.)

Wenn der modische Laie, der das hier schreibt, richtig informiert ist, dann heißt der für dieses T-Shirt verantwortliche Designer Marc Jacobs. Was einen zu der Frage führt: Macht der das selber oder ruft er einen Praktikanten herbei: Du machst mir ein T-Shirt, ja? Ich selbst wäre ja lieber Praktikant bei Marc Jacobs als bei Luois Vouitton, vor allem deshalb, weil sich Marc Jacobs viel leichter schreibt als LV mit seinen beiden im Deutschen seltenen bis ungebroichlichen Zwielauten „ui” und oi”. Ich wäre ja dafür, „Luis Vitton” zu schreiben, aber das dürfte ich dort natürlich nicht mal denken. Wie wohl ein weißes T-Shirt von Marc Jacobs selbst aussähe? Und macht der eigentlich noch Mode oder nur noch Parfüm? Hat der auch Praktikanten? Verkauft er profane T-Shirts? Und wenn ja, wo kriege ich eins her?

Zurück zu Louis Vuitton. Ungemein weicher, feiner, fließender Stoff in einem leicht gedeckten Weiß, dem man zutraut, unter Diskothekenschwarzlicht nicht blau aufzuleuchten. Betont aufwändiger Schnitt unter Verwendung zweier Streifen Stoff, die sich in Serpentinen um den Kragen winden, der dadurch vorne und hinten doppelt genäht erscheint und die Schulterpartie in insgesamt fünf Stoffbahnen unterteilt. Daher gibt es keinen Schulteransatz, so dass die die betont langen Ärmel vom Kragen bis in die Ellenbeuge reichen. Weil es sich um ein Verkaufsraum-Muster handelt, finden sich in diesem Hemd keine Waschanleitung, keine Textilkennzeichnung und auch keine Bügelvorschriften. Stattdessen nur die kryptische Zahlenkombination „Articolo MOJR60 JDO 003 – Paris 1”. Interessant!

Trotz aller Originalität sprang der Funke zu diesem T-Shirt nicht über. Möglicherweise ist es zu originell. Und dem Autor fällt auch keine Gelegenenheit ein, zu der man es tragen würde. Mal wieder ins Beghain, in die Panorama-Bar? Mmh. Vielleicht lieber bei Tageslicht in Gegenwart einer an Mode interessierten Frau, die man zu einem Flirt bewegen möchte. Zunächst würde sie denken: „Er trägt ein schlichtes, weißes T-Shirt.” Um dann, später, auf den zweiten Blick, die Details zu erkennen. Schöner Effekt.

Versetzen wir uns mal in den schrecklichen Sven, den gefährlich dreinschauenden Türsteher des Berghain. Vor den Türen des Kleiderschrankes eine Schlange von tausend weißen T-Shirts. Und alle, alle wollen rein. So, Louis Vouitton, was machen wir jetzt mit dir? Kleine Pause. Und noch eine. Und dann ein dezentes, gelassenes Nicken.

Modepilot
Modepilot ist Deutschlands erster Modeblog. Mit seiner Gründung in 2007 war und ist er Vorreiter der unabhängigen Mode-Berichterstattung. Noch heute wird die Seite leidenschaftlich von Mitgründerin Kathrin Bierling geführt. Sie ist eine ausgebildete und erfahrene Journalistin, die zunächst bei der Financial Times lernte und arbeitete und dann einige Jahre bei der WirtschaftsWoche beschäftigt war, bevor sie die Seiten Harpersbazaar.de, Elle.de und InStyle.de verantwortete. An Modepilot liebt sie, dass sie die Seite immer wieder neu erfinden muss, um am Puls der Zeit zu bleiben. Worin sie und ihre Autoren sich stets treu bleiben: Den Leser ernst nehmen, nicht sich selbst.

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